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Full text of "Petrus Cantor Parisiensis: Sein Leben und seine Schriften..."

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BRICHT LEGACY 

One half the income from thlt Legacy, wbieb wu re- 
ceired in 1880 vadcr the will of 

JONATHAN BROWN BRICHT 
of Wftltham, M «ttachutettf, U to be expended for books 
for the College Library. The other half of the Income 
It devoted to tcholanhlpt in Hanrard Ualveraltjr for the 
beneflt of detcendaata of 

HENRY BRICHT, JR., 
who died at Watertown, MaMachniett«, ia 1686. In the 
abaence of tnch deiceadanti, other pertont are ellglble 
to the icholarthlpe. The will reqnlret that thlt aaaoonce- 
ment thall be made in everj book added to the Library 
ander Ita provislons. 




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PETRUS CÄNTOR PARISIENSIS. 

SEIN LEBEN UND 8EINE SCHRIFTEN. 



EIN BEITRAG^ 

ZUR LITERATUR- UND GELEHRTENGESCHICHTE 

DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS. 



AUF GRUND DES NACHLASSES VON PEOF. Dr.OTTO SCHMID 



B£ABBEITET VON 



F. S. GUT JAHR 



GRAZ. 

VERLAG.S-BUCHHANDLUNG ,STYRIA'. 

1899. 



C 161. Hi. 



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K. k. Universitäts-Buchdruckerei ,Styria', Graz. 



VORWORT. 



IVlein Vorgänger auf der Lehrkanzel für neutestament- 
liches Bibelstudium an der Universität in Graz, Monsignore 
Dr. Otto Schmid (gestorben 9. Jänner 1892), beschäftigte 
sich in den letzten Jahren seines Lebens unter anderem auch 
mit der wenig bekannten und unsicheren Vita und den bisher 
unedierten Schriften des Petrus Cantor Parisiensis, eines heilig- 
mäßigen Mannes, bedeutenden theologischen Gelehrten und 
finchtbaren Schriftstellers am Ausgange des 12. Jahrhunderts. 

Leider war es ihm nicht gegönnt, seine diesbezüglichen 
Studien und Forschungen zum Abschlüsse zu bringen ; Gottes 
Vorsehung setzte seinem nimmer müden, vielseitigen Eifer ein 
unerwartet frühes Ende. 

Nichtsdestoweniger enthält sein Nachlass reiches, wert- 
volles Material sowohl zur Lebensgeschichte, als auch ins- 
besonders zur textlichen Bearbeitung einiger Schriften des 
Petras Cantor, dessen Veröflfentlichung das Interesse der Sache 
selbst, wie nicht minder das Andenken an den theuren Ver- 
storbenen rechtfertigen, ja fordern. Die Früchte jahrelangen 
Fleißes sollen nicht unbeachtet im Staube des Archivs liegen. 

So entschloss ich mich denn, zunächst das Lebensbild des 
Petrus Cantor hauptsächlich auf Grund des Nachlasses meines 
Vorgängers zu bearbeiten und dasselbe als kleinen und, wie 
ich dafiir halte, nicht uninteressanten Beitrag zur Geschichte 
des 12. Jahrhunderts der Öffentlichkeit zu übergeben; nach 
Zeit und Umständen soll Weiteres folgen. 

Graz, August 1898. 

F. S. Gutjahr. 



INHALTS-VERZEICHNIS. 



Seite 

Einleitung 1 

Erster Abschnitt. 

Lebensgang, Ansehen und Charakter des Petrus Oantor 
Parisiensis: 

1. Geburtsort und Abstammung B 

2. Petrus Oantor in Kheims 14 

3. Petrus Cantor in Paris 16 

4. Petrus Cantor erwählter Bischof von Toumay 23 

B. Weiterer Lebenslauf des Petrus Cantor 26 

6. Petrus Cantor Decan in Eheims 29 

7. Petrus Cantor in Longpont. Sein Tod daselbst 81 

8. Das Grab und die Überreste des Petrus Cantor 38 

9. Das Ansehen des Petrus Cantor, besondere Charakterzüge . . 40 
Anhang 49 

Zweiter Abschnitt. 

Literarische Thätigkeit des Petrus Cantor 51 

1. Echte Schriften des Petrus Cantor: 

Ä. Schriften, welche sich auf die Erklärung der Heiligen Schrift 

beziehen B2 

Altes Testament 53 

Neues Testament 64 

B, Schriften, die vorzugsweise Dogmatik, Kirchenrecht und 

Moraltheologie zum Inhalte haben 55 

C. Schriften, die fast ausschließlich Moral und Ascese behandeln 59 

2. Etwa verloren gegangene Schriften des Petrus Cantor .... 66 
*i. Fälschlich dem Petrus Cantor zugeschriebene Werke 70 



EINLEITUNG. 



H. Denifle^ behauptet: „Die Wurzeln des im 13. Jahr- 
hundert großartig entfalteten Systems der Theologie liegen im 
12. Jahrhundert, und alle Summen der Theologie, deren es 
eine beträchtliche Anzahl nicht bloß vor Alexander Alensis, 
sondern auch vor und zur Zeit des Peter Lombardus gab, 
weisen direct oder indirect auf Paris zurück." 

In der That ist dieses Jahrhundert von seinem Anfange 
bis zu seinem Ende voll der tüchtigsten Männer auf allen Ge- 
bieten der Theologie. Insbesonders aber zeichnete sich Frank- 
reich durch zahlreiche Dom- und Klosterschulen aus, in denen 
die theologischen Disciplinen eifrigst gepflegt wurden. 

Müssen nun unter diesen schon die Schulen von Laon, 
Rheims, Chartres, Le Mans u. a. mit nicht geringem Lobe 
genannt werden, so war vor allen Paris im 12. und noch 
im 13. Jahrhundert der Sitz der berühmtesten Theologen und 
Philosophen, das Emporium der Theologie und Philosophie, 
wohin aus aller Herren Länder zahlreiche Studierende strömten, 
um sich hier in den genannten Disciplinen an der Hand der 
größten Meister zu bilden. 

Fast alle bedeutenden Lehrer der Theologie und Philo- 
sophie jener Zeit hatten in Paris entweder gelernt oder ge- 
lehrt.« 

Um nur mit einigen Strichen ein Bild des geistigen Lebens 
in Frankreich während des 12. Jahrhunderts zu zeichnen, genügt 
es, an folgende Namen zu erinnern. 



» Die Universitäten des Mittelalters bis 1400. 1.Bd., S.46. Berlin 1885. 
2 Vgl. Hist. litter. de la France, Bd. 9— IB, insbesonders Bd. 9, 
der einen Überblick über das 12. JaJirhundert gibt. Paris 1750. 

Outjahr, Petras Cantor Parisionsis. j^ 



Gillebert von London (gest. 1134), genannt univer- 
salis, ein berühmter Ausleger der Heiligen Schrift (glossator 
eximius), lehrte wie an vielen anderen Orten so auch, wie es 
scheint, in Rheims. Anselm von Laon (gest. 1117) erfüllte 
zu Ende des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts als Exeget 
die abendländische christliche "Welt mit dem Rufe seiner Ge- 
lehrsamkeit. Wilhelm von Champeaux (gest. 1121) lehrte 
mit größtem Beifalle in Paris Philosophie. Der geniale Petrus 
Abälard (gest. 1142) versammelte um seinen Lehrstuhl in 
Paris Scharen von wissbegierigen Jünglingen. Der heil. Bern- 
hard von Clairvaux (gest. 1153), genannt Doctor mellifluus, 
verfocht gegen Abälard sowie gegen den Bischof von Poitiers, 
Gilbert von Porree (gest. 1154), der auch einst in Paris ge- 
lehrt hatte, siegreich die katholische Lehre insbesonders be- 
züglich der Trinität. 

Nicht minder gereichten diesem Jahrhundert zur großen 
Zierde: Hildebert von Lavardin, Bischof von Le Mans, 
später Erzbischof von Tours (gest. 1132 oder 1134), der als 
Philosoph und Dogmatiker und besonders als christlicher 
Dichter hervorragte; Stephan von Baugä (göst. 1139 oder 
1140), Hervaeus, Benedictiner zu Bourg-Dieu (gest. um 
1150), als Exeget nicht unbedeutend, Honorius von Augu- 
stodunum (gest. nach 1152), vor allen aber der Magister 
sententiarum, Petrus Lombardus, der längere Zeit mit 
größtem Ruhme in Paris lehrte und als Bischof dieser Stadt starb 
(1164). Seine „Sententiarum libri IV" dienten sehr lange Zeit 
im Mittelalter sozusagen als Lehrbuch der Dogmatik in den 
Schulen, eine ganze Reihe von Commentaren wurde zu den- 
selben geschrieben, und sie bildeten auf diese "Weise die Grund- 
lage der theologischen Fortentwicklung. 

Große Bedeutung hatte auch der Engländer Robert 
Pulleyn (gest. 1147 — 1154), der ebenfalls eine Zeitlang in 
Paris seinen Lehrstuhl aufgeschlagen hatte und ein besonderer 
Förderer der syllogistischen Form war. Nachhaltig wirkten 
die Pariser Victoriner Hugo (gest. um 1141) und Richard 
(gest. 1173), jener, oft StSdaxaXoc, auch alter Augustinus ge- 
nannt, mehr als Dogmatiker, dieser vorzugsweise als Mystiker. 

Was Petrus Lombardus durch seine Sentenzen für die 



Dogmatik im Mittelalter auf lange Zeit war, das leistete 
Petrus Comestor in Paris (gest. 1179 oder 1198), der seinen 
Beinamen wegen der Menge von Büchern, die er gelesen, gleich- 
sam ye]:schlungen hatte, erhalten haben soll, durch seine Histo- 
ria scholastica, die lange als eine Art Vorlesebuch der bib- 
lischen Geschichte in der Hand jedes Schülers war. Zu den 
besseren Schrifterklärem des 12. Jahrhunderts gehört auch 
Hadulfus Niger von Flaix (gest. um 11B7). Einen bedeu- 
tenden Umfang von Kenntnissen in weltlichen und geistlichen 
"Wissenschaften zeigt Johannes von Salisbury, der in 
Paris studiert hatte und als Bischof von Chartres (um 1180) 
starb. Robert von Melun, Lehrer in Paris und Melun 
(starb als Bischof von Hereford in England 1167), zeichnet 
sich durch speculatives Erfassen und tiefe Begründung der 
Dogmen aus, und Thomas von Aquin soll ihn vielfach benützt 
haben. 

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts glänzten : als Dogmatiker 
Petrus vonPoitiers, lange Zeit Lehrer in Paris und später 
Kanzler der Domkirche daselbst (gest. um 120B), der aber wegen 
vieler unverständlicher, zweideutiger und uncorrecter Ausdrücke 
in der Christologie vom Victoriner Walther mit Abälard, Petrus 
Lombardus und Gilbert von Porree zu den „vier Labyrinthen 
Frankreichs*^ gezählt wurde; Petrus Cellensis (gest. als 
Bischof von Chartres 1183 oder 1187) an der Klosterschule 
St. Remy zu Bheims; Alberik und Fulco (gest. 1202) an der 
Domschule zu Bheims; Petrus von Corbeuil, einer der 
Lehrer des jungen Grafen von Segni, der in Paris studierte und 
1198 als Linocenz III. den päpstlichen Stuhl bestieg; Adam 
von St. Victor (gest. um 1192), einer der besten Sequenzen- 
dichter des Mittelalters ; Cardinal StephanLangton (gest. 
1228), der an der "Wende des 12. Jahrhunderts in Paris lehrte, 
Postillen zur ganzen Heiligen Schrift verfasste und seinen 
Namen mit der Eintheilung der Bibel in die jetzigen Capitel 
verband; Alanus von Ryssel, Doctor universalis (gest. etwa 
1202), Robert von Cour9on (gest. um 1218), ein gründ- 
licher Kenner des weltlichen und geistlichen Rechtes; der 
geistreiche Praepositiv, ebenfalls Lehrer in Paris, den der 
heil. Thomas in seiner Summa theol. citiert. 

1* 



"Wir haben hiemit nur die vorzüglicheren Vertreter der 
Theologie und Philosophie in Frankreich während des 12. Jahr- 
hunderts genannt. 

Aber nicht bloß durch die große Anzahl der Theologen 
und Philosophen zeichnete sich das 12. Jahrhundert aus, son- 
dern auch durch ihre geistige Größe, durch die Tiefe der 
Speculation, mit der die hervorragendsten derselben, seitdem 
mit Anselm von Canterbury (gest. 1109) die mittelalter- 
liche Scholastik begonnen, den Offenbarungsinhalt zu erfassen, 
zu erklären und zu begründen versuchten. Und wenn auch 
erst der Blütezeit der Scholastik, den großen Geistern des 
13. Jahrhunderts, einem Alexander von Haies (gest. 1245) 
Johannes Duns Scotus (gest. 1308), Bonaveniyura (gest. 
1274), Albertus M. (gest. 1280) und dem größten aller Theo- 
logen, dem heil. Thomas von Aquin (gest. 1274) es vor- 
behalten war, die dogmatische Speculation zur höchsten Stufe 
und zum correctesten Ausdruck zu bringen, so haben die großen 
Theologen des 13. Jahrhunderts doch auch die Errungen- 
schaften des 12. Jahrhunderts benützt, vertieft, von manchem 
Unrichtigen gereinigt: kurz, die "Wurzeln der Theologie des 
13. Jahrhunderts, d. i. der Blütezeit der Scholastik, liegen im 
12. Jahrhundert ; dieses Jahrhundert bereitete die Glanzepoche 
des 13. Jahrhunderts vor. 

Zu den Theologen, welche in der zweiten Hälfte und 
gegen Ende des 12. Jahrhunderts blühten und nicht ohne 
Einfluss auf die "Weiterentwickelung der Theologie blieben, 
zählt auch Petrus Cantor Parisiensis, von dem Amte 
eines Cantors an der Kathedralkirche zu Paris häufig in den 
Handschrift^ kurzweg Oantor Parisiensis oder der Cantor ge- 
nannt. 

Da über seine Lebensumstände, namentlich über seine 
Abstammung Weniges bekannt und dies vielfach unsicher ist, 
seine Werke aber ein volles Jahrhundert noch nach seinem 
Tode und manchmal auch noch später citiert und benützt 
wurden, so dürfte die nachfolgende Darstellung seines Lebens 
und seiner literarischen Leistimgen nicht ungerechtfertigt sein. 



Erster Abschnitt. 



Lebensgang, Ansehen und Charakter des Petrus Cantor 

Parisiensis. 



1. Geburtsort und Abstammung. 

fechon bezüglich des Geburtsortes des Petrus Cantor 
herrschen verschiedene Ansichten. 

o) Viele halten Poitiers für die Vaterstadt desselben. 
Doch hat diese Auffassung weder in den alten Handschriften 
noch in irgend einem der alten Schriftsteller, die über Petrus 
Cantor handeln, die geringste Stütze; viehnehr scheint sie 
neueren Zeiten ihren Ursprung zu verdanken, und zwar ent- 
stand sie ohne Zweifel aus einer Verwechslung des Petrus 
Cantor entweder mit dem bekannten Petrus Pictaviensis, der 
lange Zeit in Paris an der Domgchule lehrte und Kanzler an der 
Domkirche zu Notre Dame war, oder, was wahrscheinlicher 
ist, mit einem bald nach Petrus Cantor gestorbenen Petrus 
Pictaviensis, Canonicus und Cantor zu St. Victor in Paris. 

Unter den ersten dürften Remy Ceillier^ und Chr. G. 
Jöcher^ diese Ansicht vertreten haben. Ihnen folgte in 
neuerer Zeit I. B. I. Busse. ^ ^ 

Dass nun diese Annahme auf einen Irrthum der Person 
sich gründe, zeigt sich offenkundig schon bei Jöcher, der 
Petrus Cantor mit Petrus Pictaviensis, Canonicus zu St. Victor, 
verwechselt. 

1 Histoire generale des auteurs sacres et eccl^siastiques. T. XXTTT, 
p. 68. Paris 1768. (Auch in der neuen Auflage 1863.) 

2 Allgemeines Gelehrtenlexikon. Fortgesetzt von Adelung und Roter- 
mund, 1750—1822, s. v. Petrus Cantor. 

« Qrondriss der christlichen Literatur. ZweiTheile. Nr. 1256. Münster 
1828-1829. 



Dieser Irrthum der Person findet sich auch sonst nicht 
selten. So werden im Bibliothekskatalog von Troyes^ die 
Allegoriae in V. et N. Test., offenkundig von Petrus Pict., 
Kanzler von Notre Dame, verfasst, als ein Werk des Petrus 
Cantor aufgeführt. Desgleichen wird daselbst^) wie im Katalog 
der Bibliothek St. Omer^ Petrus Cantor mit Petrus Picta- 
viensis identificiert. 

Auch im Catalogue of Manuscripts in the British Museum^ 
wird Petrus Cantor mit dem Beisatze genannt: Pictaviensis 
Canonicus S. Victoris. 

J. A. Fabricius^ nennt unseren Petrus Cantor, P. Picta- 
viensis cum Ehemensi non confundendus canonicus S. Victoris 
Cantorque Parisiensis und schreibt ihm weiters das Poeniten- 
tiale zu, welches von P. Pictaviensis, Canonicus zu St. Victor, 
stammt und in welchem Petrus Cantor ausdrücklich genannt 
wird. 

Neuestens noch citiert H. Heuter^ eine Stelle aus dem 
Verbum abbreviatum, dem einzigen bis jetzt gedruckten 
größeren "Werke P. Cantoris unter dem Namen Petrus Cantor 
von St. Victor. 

b) Ebenso wenig Wahrscheinlichkeit hat eine zweite, wie 
es scheint, zuerst von Cesar Egasse du Boulay (Bulaeus)'' 
und nach ihm von Casimir Qu diu» aufgestellte Ansicht, 
Petrus Cantor stamme aus Paris. Beide stützen sich auf 
folgende Stelle aus Agidius von Paris (gest. um 1200):® 



1 Harmand, Manuscrits de la bibliothöque de Troyes, p. 479, 
cod. 1168. 

2 P. 486,%od. 1175. 

ß Catal. gen6r. des departem. T. m, cod. 308. 

* New Series, 1834 und 1840, Index zu Vol. 1 und 2. 

^ Bibliotheca latina mediae et infimae aetatis ed. Mansi. T. V, p. 260. 
Padua 1754. 

® Das Subdiaconat, dessen historische Entwicklung und liturgisch- 
canonische Bedeutung, S. 283, Augsburg 1890. 

7 Historia Universitatis Paris. T. 11, S. 763. Paris 1665—1673. (Cata- 
logus illustrium academicorum quarti saeculi.) 

s Comment. de scriptoribus ecclesiae antiquis. Lipsiae 1722, ü, 1661. 

® Die Fragmente gedruckt bei Andre Duchesne, Historiae Francorum 
scriptores, t. V. Paris 1649, und Migne, Cursus Pat. lat. CCXTT, 9. 



Cum tarnen excoctum multo sudore Tibouldum 

Artibus ediderit generis consortis et oris 

Altisoni, iactet dictantem iura Philippum, 

Nee minus in sacris meKco sermone Leonem 

Liudentem historiis et quem intepuisse dolemus 

Petrum in divinis oretenus (verbotenus Migne) alta sequentem.* 

Die letzteren besonders hervorgehobenen Worte sollen 
nach du Boulay und noch mehr nach Oudin beweisen, dass 
Petrus Oantor aus Paris gebürtig gewesen sei. 

Agidius nämlich zählt an jener Stelle zur Widerlegung 
des Vorwurfes, Paris habe keine oder nur höchst wenige ge- 
lehrte Männer hervorgebracht, eine Reihe von bedeutenden 
Gelehrten auf, die der Stadt Paris entstammten. Wäre nun 
unter jenem Petrus, quem intepuisse dolemus in divinis 
oretenus alta sequentem, Petrus Cantor zu verstehen, so 
wäre allerdings nach dem Zusammenhange der Stelle der 
Beweis flir dessen Abstammung oder Geburt aus Paris er- 
bracht. Allein unter jenem bei Ägidius genannten Petrus ist 
mindestens wahrscheinlich Petrus Riga, Cantor in Rheims 
(gest. 1209), gemeint; und die Aussage: quem intepuisse do- 
lemus in divinis oretenus alta sequentem bezieht sich ver- 
muthlich darauf, dass Petrus Riga vor Vollendimg seines Ge- 
dichtes „Aurora" starb. ^ 

Eine nicht seltene Verwechslung des Petrus Cantor mit 
Petrus Riga constatiert auch Oudin und er berichtet, dass die 



1 Am Ende des 5. Buches des Liber Carolinus. 

* Vgl. Brial in: Rer. gallic. Scriptores, t. XVII, p. 298, n. 4. — 
Nach G. Naud6 (Addition a L'Histoire de Louys XL, Paris 1680, p. 167) 
wäre unter dem im Liber Carolinus genannten Petrus der gewaltige 
Dialectiker Petrus Abälard zu verstehen. Allein Du Boulay und wörtlich 
nach ihm Oudin weisen diese Ansicht mit Recht damit zurück, dass 
Abälard nicht in Paris, sondern im Gebiete von Nantes, zu Pallet, ge- 
boren sei. Nach anderen wäre Petrus de Rossiaco (Roissy) zu verstehen, 
der mit Fulco, Pfarrer von Neuilly, einen Kreuzzug predigte und später 
Kanzler zu Chartres wurde (gest. um 1280). Doch konnte Ägidius weder 
von dessen Speculum sagen „alta sequentem", noch können die Worte 
nquam intepuisse dolemus" deshalb auf ihn bezogen werden, weil er 
sich beim Predigen des Kreuzzuges viel Geld gemacht und dann diesen 
Beruf verlassen habe, um Kanzler zu Chartres zu werden. 



8 

den Petrus Cantor zugehörende Summa de tropis loquendi 
fälschlich dem Petrus Riga zugeschrieben werde. ^ 

Der Ansicht Du Boulays und Oudins, Paris sei die Heimat 
des Petrus Cantor, folgen Gerard Dubois^ und die Gallia chri- 
stiana, welche aber auch eine andere Meinung erwähnt, dass 
nämlich Petrus Cantor von Rheims gebürtig gewesen..^ 

c) Damit kommen wir zu einer dritten Ansicht aber die 
Heimat des Petrus Cantor, nach welcher Rheims die Ge- 
burtsstätte desselben war. 

Diese Meinung scheint die ältesten Zeugen, die über 
Petrus Cantor berichten, für sich zu haben. 

Wo in den alten Handschriften der Werke des Cantor ein 
auf dessen Heimat hinweisender Beiname angegeben ist, ist 
es stets nur der Beisatz Remensis; so in den Handschriften 
Ms. lat. der National-BibKothek in Paris 14.446,^ 14.426,^ 3710,« 
14.621,' in der Handschrift 347B (alt 1252) der Bibliothek 
Mazarine in Paris in den Artikeln Aurora und Porta,® und in 
der Handschrift 71 von Zwettel.® 

Hiebei ist zu bemerken, dass die genannten Handschriften 
der National-Bibliothek alle von alter Hand die Bezeichnung 
mag. Petrus Remensis enthalten, und dass dieselben mit Aus- 
nahme der Handschrift 3710 einst dem berühmten Kloster 



1 L. c. 1551 (Migne, Pat. lat. CCXH, 9 und 10). 

2 Historia ecclesiae Parisiensis. T. I, p. 298: natus est Parisiis. 
Paris 1690. 

8 T. Vn, col. 78 : natus est Parisiis vel Remis ex Radulfo. Paris 1744. 

* Enthält die Summa de tropis theologicis mit der Aufschrift : In- 
cipit tractatus m. Petri Eemen. cantoris Paris, de tropis theol. 

5 Mit dem Titel: Notule mgri. Petri Remensis Cantoris Par. super 
psalmos. 'f 

e Hat auf fol. 56 mit rother Tinte und alter Schrift: Explicit summa 
magri. Remensis, qui fuit precentor sedis sancte Marie Parisiensis. 

^ Enthält die große Summe des Cantor de sacraraentis et anima© 
consiliis mit dem Titel : summa mag. Petri Remensis cantoris Par. 

8 Handschrift eines Werkes, betitelt: Distinctiones monasticae, 
eines unbekannten Verfassers, der ein englischer Cistercienser und ein 
Schüler Cantors war. Vgl. Aug. Moliniere, Catalogue des Manuscrits de 
la bibliotheque Mazarine. T. 3, p. 97 und 98. Paris 1885. 

» Gehört dem 13. Jahrhundert an und hat die Aufschrift: Liber 
operis cantoris Paris, mgri. petri remensis, 



St. Victor extra muros Paris, angehörten , wo man sicherlich 
über die Heimat des Cantor unterrichtet war. 

Ein weiterer Zeuge für diese Ansicht ist Radulf von 
Coggeshall, der den Cantor sehr wahrscheinlich persön- 
lich kannte, vielleicht sein Schüler war (da er bereits 1207 
Abt von Ooggeshall wui'de und 1228 starb), und ihn eben- 
falls in seinem Chronicon Anglicanum Petrus Rhemensis nennt. ^ 
Hieher gehört auch das Chronicon Bernardi Iterii (gest. 
1226), Mönchs und Bibliothekars von St. Martial in Limoges, 
das zum Jahre 1197 berichtet: Obiit . . et Petrus de Reims, 
precentor Parisiensis.^ 

Mit solchen Zusätzen, wie Lombardus, Trecensis, Rhe- 
mensis u. s. w. wurde gewöhnlich, wenn auch nicht immer, 
lange Zeit im Mittelalter die Heimat oder Abstammung aus- 
gedrückt. 

Als Hauptbeweis dafür, dass Petrus Cantor aus Rheims 
stamme, gilt ein Brief Wilhelms von Champagne, Erzbischofs 
von Rheims (1176 bis 1202), worin dieser den Petrus Cantor 
bewegen will, die auf ihn gefallene Wahl zum Decan des 
Capitels in Rheims, die er bestätigt, anzunehmen. In diesem 
Schreiben aus dem Jahre 1196 ruft Wilhelm dem Petrus Cantor 
ins Gedächtnis, wie er einst in zarter Jugend aus den Brüsten 
der Mutterkirche Rheims die Milch des ersten Unterrichtes er- 
halten habe, erinnert ihn daran, wie er jetzt in der Annahme der 
Wahl durch seine Gelehrsamkeit und Erfahrung der Mutter- 
kirche das in der Jugend Genossene ersetzen und vergelten 
könne, indem er unter anderem Folgendes sagt: „Verum iam 
hora est, ut de seminibus quae messuistis in alios exultationis 
manipulos ad propria referatis, unde nostris esurientibus par- 
vulis frangatur panis alimoniae doctrinalis et pia vicissitudine 
lacte doctrinae per vos laxa matris ubera repleantur, 
quae vos aliquando parvuli suxistis. Dignum erat et 
iustum, ut nostra primitiva mater ecclesia, quae vos aliquamdiu 



» Recueil de historiens de France 1786—1822, Bd. XVm, 80—« 
uud Rerum Britannicarum medii aevi Scriptores, 66. Bd.: Chronicon 
Rad. de Cogg. ed. J. Stevenson 1875, p. 79. 

a Script, renun Gall. XVni, 22B«. 



10 

indigentiae commodaverat aliorum, suis in jiecessitatibus revo- 
caret filium, suis retineret usibus revocatum.^^ 

Endlich will man nooh einen Beweis für die Annahme, 
dass Petrus Cantor in Bheims geboren oder doch wenigsi>eiis 
erzogen worden sei, in den vielen Anspielungen auf Ereig- 
nisse, Gebräuche und Sitten in Bheims finden, die in den 
Schriften desselben sehr häufig vorkommen. 

So geschieht des Concils zu Rheims (1148) Erwähnung, 
auf dem der heil. Bernhard mit Gilbert von Porree über die 
Trinität disputierte* und der Häretiker Evus de Stella ver- 
urtheilt, aber nicht dem Tode überantwortet wurde.^ Eemer 
wird berichtet, dass in Bheims bei einer großen Dürre der 
Vorstand der Juden in Bheims sich erboten habe, innerhaJl> 
drei Tagen Begen zu bewirken, wenn man die Thora in der 
Stadt herumtragen dürfe, was aber magister Albericus niclit 
zugelassen/ Es wird die Lehrthätigkeit Eoberts von Oambray 
in Bheims erwähnt.** Es wird erzählt, dass der Erzbischof H. 
(Heinrich, ein Sohn König Ludwigs VH. von Frankreich) von 
Bheims nach seiner Erwählung von seinem Vermögen 60 Ta- 
lente för die Beleuchtung der Kirche geschenkt habe und 
dass dies nicht für Simonie gehalten wurde;* dass der Decan 
der Domkirche in Bheims die bei der Matutin aus eigener 
Schuld im Chore nicht erscheinenden Cleriker damit bestrafe, 
dass er ihnen für den betreffenden Tag den Wein entziehe;*' 
dass bei Erledigung der Decanie in Bheims ein Abt zum Decan 



1 Abgedruckt bei G. Marlot (gest. 1667), Metropolis Remensis bist., 
n, 1679, 442, 443. Femer in: Archives admioistratives de la ville de 
Reims par P. Varin. Tom. I, Partie. I p. 427, Paris 1839, Urkunde CCCXTTT. 
(Collection des documents inödits sur l'bistoire de France, publiös par 
ordre du roi. Premiere Serie. Histoire Politique.) — Actes de la prov. 
eccl6siast. de Reims, 11, 326. Migne, P. 1. CCV, 555 und 556. 

2 De tropis loquendi, Handschrift 14.445, National-Bibliothek fol. 276. 
8 Verbum abbrev. bei Migne, P. 1. CCV, 545. 

* Verbum abbrev. (nach der kürzeren Recension) bei Migne, 1. c. 546. 

ß Verbum abbrev. c. 74 (nach der zweiten Recension) bei Migne, 
1. 0. 639. 

^ Summa de sacramentis et animae consiliis, Handschrift 276 von 
Troyes, fol. 98 ^ 

7 Ebendaselbst fol. 110^. 



11 

eirwählt worden sei, ier aber die "Würde nicht annehmen wollte, 
als er die Unzufriedenheit mehrer über die Wahl saJi,' u. a. 
Auf Grund der vorgeführten alten Zeugen halten viele 
in neuerer und neuester Zeit an B;heims als der Heimat des 
I^etrus Cantor fest, so unter anderen J. Merlo Horst,* G. Mar- 
io t,' Lelong,* PÄcheur.*^ 

d) Trotzdem ist Rheims nicht die Heimat des Petrus 
Cantor, wenn er auch unzweifelhaft daselbst auferzogen wurde; 
vielmehr stammte er aus Gerberoi in der Diöcese Beau- 
vais und gehörte dem edlen Geschlechte der Hosdenc an. 
Diese Ansicht vertheidigte zuerst im 16. Jahrhundert Joh. 
Pill et,® Canonicus zu Gerberoi, indem er aus dem Archive 
der gedachten Stiftskirche eine Urkunde ddo. Beauvais 1176 
veröffentlichte, in welcher Petrus Praecentor Parisiensis kund 
thut, dass er sein Haus in Gerberoi dem Canonicus Haimeri- 
cus zu Gerberoi zum ruhigen Besitze übergebe, bis dass ihm 
die 6 Pfd. Beauvaiser Münze zurückgezahlt seien, mit denen 
er das Haus von Aoir ausgelöst habe. Unter den Zeugen er- 
scheint auch Galterus de Hosdenco.^ 

Pillet erwähnt dann noch eine zweite Urkunde, die er 
aus einem Chartularium der genannten CoUegiatkirche ent- 
nommen, welches zu seiner Zeit noch vorhanden, jetzt aber 
verschollen ist. In dieser Urkunde ddo. Beauvais 1186 bezeugt 
PhiUpp, Bischof von Beauvais, dass Petrus Parisiensis prae- 
centor sein Haus in Gerberoi dem genannten Haimericus zum 
freien Besitze unter der obgenannten Bedingung übergeben 
habe. Als Zeuge wird unter anderen angeflihrt Galterus de 



1 Ebendaselbst fol. 113 \ 

^ S. Patris Bernardi Claraevallis Abbatis opera omnia, Adn. in 
epist. 262, p. 44. Coloniae 1641. 

^ Histoire de la ville, cM et universite de Keims, IV tomes (neu 
herausgegeben), chap. XTTI. Reims 1848—1846. 

^ Bibliotheca sacra, Paris 1728, II, 924. 

^ Annales du diocöse de Soissons. T. 12, 628—681, Soissons 1868. 

® Histoire du chftteau et de la ville de Gerberoy, p. 848. Rouen 
1579. 

7 Diese Urkunde ist noch erhalten und befindet sich im Originale 
im Archive des Departementes de POise in Beauvais, Serie G, chap. de 
Gerberoy; an ihrer I^htheit ist nicht zu zweifeln. 



12 

Hosdenco, frater praedicti Petri Paris. Praecen.- 
toris. 

Beide Urkunden gehören, wie man auf den ersten Blick: 
sieht, zusammen. Der Hauptbeweis liegt allerdings auf der 
zweiten nunmehr verschollenen Urkunde; Pillets Mittheilung^ 
verdient jedoch unbedingten Glauben. 

Daraus ergibt sich nun, dass Petrus Cantor oder Prae- 
centor von Paris zur angeführten Zeit, um welche kein an- 
derer als unser Petrus in Urkunden als Cantor von Paris er- 
scheint, ein Haus in Gerberoi, wo die Herren von Hosdenc 
nach Pillets Darstellung lange Zeit saßen, hatte und femer, 
dass sein Bruder Galterus de Hosdenc hieß und somit auch 
Petrus Cantor dem Gesohlechte der Hosdenc entstammte. 

Für die Abstammung des Petrus Cantor aus dem Ge- 
schlechte der Hosdenc kann aber auch Folgendes geltend ge- 
macht werden. Die Handschrift 312 der Utrecht er Bibliothek ^ 
enthält fol. 66 * die Aufschrift : Petrus de Hosdens cantor Pari- 
sisienis Summa theologiae, und zwar stehen diese Worte mit 
rother Tinte im Text von derselben Hand geschrieben, von 
der das ganze Werk herrührt. 

Es ist also wohl kein Zweifel, dass Petras Cantor vom 
genannten Geschlechte Hosdenc^ abstammte, wenn er auch 
vielleicht zufällig in Rheims geboren wurde, wohin seine 
Eltern etwa wegen der häufigen Kriege um Beauvais flüchteten 
oder sonst irgendwie dahinkamen. 

Sicher ist, dass Petrus Cantor in sehr früher Jugend nach 
ßheims kam, vielleicht weil seine Eltern in Gerberoi früh- 



1 Vgl. Van Tiele, Catalogus codicum manuscriptorum Bibliothecae 
universitÄtis Rheo-Trajectiuae 1887, p. 101. 

2 In den Urkunden des Archivs von Beauvais erschienen mehrmals 
Glieder dieser Familie, so 1109 Paganus deH.; Ilb8 Elias; 11B5 Petrus; 
1173 Sagalo; 1218 Petrus, ein Sohn Gualters, des Bruders unseres 
Cantors; 1219 Aegidius ; 1224 Louis; 1238 Wilhelm; 1270 Petrus. Am Ende 
des 13. oder anfangs des 14. Jahrhunderts starb dieses Geschlecht aus. 
Heute existieren in der Nähe von Beauvais zwei Orte mit dem Namen 
Hosdenc : Hosdenc l'Eveque, ein Dorf mit 157 Einwohner, Cant. Noailles, 
Arrondiss. Beauvais und Hosdenc en Bray, Cant. du Coudray - Saint- 
Germer, Arrondiss. Beauvais ; dies zweite scheint das Hosdenc des Petrus 
Cantor zu sein, es gehört zum Vidame Gerberoi. 



18 

zeitig starben und Verwandte oder Wohlthäter in Bheims ihn 
anfiiahmen. 

Von seiner Erziehung und seinem späteren langen Wirken 
in !ßheims gilt er als Petrus E/hemensis und seine eigentliche 
Heimat und Abstammung wurde vergessen. 

Pillet hat daher vollkommen Recht, wenn er in seiner 
oben citierten Geschichte von Gerberei^ unsem Petrus Cantor 
unter die hervorragenden Männer zählt, die dem Gebiete von 
Gerberei entstammen^ Auch Brial^ scheint sich för die An- 
sicht Pillets, den er ausdrücklich citiert, auszusprechen; des- 
gleichen die Nouvelle biographie g6n6rale,^ Lud. Lalaime* und 
Ul. Chevalier.^ 

Eassen wir alles bisher über die Abkunft des Petrus Oantor 
Gesagte kurz zusammen und vergleichen wir Persönlichkeiten 
mit demselben Namen Petrus, die mit ihm gleichzeitig lebten 
oder mit denen er häufig verwechselt wurde, so ergibt sich 
Folgendes: Petrus Cantor stammt aus dem Geschlechte der 
Hosdenc in der Landschaft Beauvais, kam frühzeitig nach 
Bheims, wo er herangebildet wurde und lange lehrte, weshalb 
er Petrus Eemensis genannt wurde ; er wurde hie und da in 
den Handschrifben verwechselt mit Petrus Comestor, wegen 
der gleichen Anfangsbuchstaben der abgekürzten Namen, mit 
Petrus Pictaviensis, dem Kanzler zu Notre Dame in Paris, mit 
Petrus Pictaviensis, dem Canonicus zu St. Victor in Paris, mit 
Petrus von St. Omer, endlich mit dem Dominicaner Petrus 
Bhemensis, Provincial der provincia Francia, später Bischof 
von Agen (1246 — 1247),® dessen sermones' vielfach unserem 
Cantor zugeschrieben werden. 



1 p. 146—147. 

« Hifit. Utt. XV, 288—808; vgl. Rerum gall. Script. XVm. Bd. 

8 Ed. Hoefer, t. 40, Paris 1862: Pierre le chantre, theologien fran9ais 
ni dans le Beauvaisis. 

^ Dictionnaire historique de la France, 2. öd., p. 1461. Paris 1877. 

^ B^perioire des Sources historiques du moyen äge, Paris 1877 bis 
1886, col. 1812, bemerkt bei Petras Cantor: du Beauvaisis, allerdings 
ftlgt er dieser Notiz ein Fragezeichen bei. 

• Vgl. Qu6tif und Ecbard, Scriptores O. Pr., I. Bd., p. 116—117. 
Paris 1719—1721. 

7 Beginnend: Qui sunt isti, qui ut nubes volant. 



14 



2. Petrus Cantor in Bheims. 

Von den weiteren Lebensumständen unseres Petrus Cantor 
wissen wir verhältnismäßig wenig. 

Sicher ist, dass er an der berühmten Domschale zu 
Rheims, die neben der E^osterschule St. Bemy daselbst einen 
bedeutenden Buf hatte/ wahrscheinlich unter Alberil^,^ einexa 
Schüler Anselms von Laon, studierte. 

Die Ansicht, dass Bischof Heinrich von Beauvais, als er 
1162 Erzbischof von Bheims wurde, unsem Petrus Cantor nacK 
Bheims mitgenommen habe, ist wohl unrichtig; vielmehr war 
dieser, wie schon bemerkt, viel früher bei irgend einem An- 
lasse in diese Stadt gekommen. Nach dem oben mitgetheilten 
Schreiben des Erzbischofes Wilhelm von Champagne geht näm- 
lich hervor, dass Petrus Cantor bereits als parvulus in jener 
Stadt war ; femer, da Petrus Cantor 1197 starb und nach den 
Berichten damals im hohen Alter stand, so ist es kaum mög- 
lich, dass er erst 1162 in Bheims zu studieren begonnen. Ge- 
wiss ist weiters, dass Petrus Cantor in Bheims lange Zeit an 
der Domschule lehrte und dass er ein Canonicat an der Dom- 
kirche hatte, welches er auch dann behielt, als er nach Notre 
Dame zu Paris seinen Lehrstuhl übertrug. 

Dies geht aus den "Worten eines der getreuesten Schüler 
Cantors, des Engländers Eobertus de Cour9on, hervor. Dieser 
handelt nämlich in seiner großen Summa: „Tota coelestis 
phüosophia*** unter anderem auch von der Cummulierung der 



1 Vgl. Denifle, a. a. O., S. 225 f.; Hist. litt, de la France IX, 32; 
Leon Maitre, Les 6coles episcopales et monastiques, p. 150 und 155. 
Paris 1866. 

2 Vgl. J. Launoy, De scholis celebrioribus, p. 80—88. Paris 1672. 

s Bekannt unter dem Titel: Consiliarium Petri Cantoris; die Schrift 
stammt jedoch nicht von Petrus Cantor, da sie denselben häufig citiert, 
seines Todes erwähnt u. s. w. Das Werk findet sich handschriftlich in 
vielen Bibliotheken, so in der National-Bibliothek zu Paris Ms. lat. 3258 
und 8259, zu Troyes 1175 (ohne Namen des Verfassers); 14524 in der 
National-Bibliothek und 247 in Brügge ist Eobert de Cour9on als Ver- 
fasser genannt. In der HandschriBi 3208 der National-Bibliothek steht 
am Ende: Simonis de Tomaco summa de sacramentis; es ist aber die 
Summa des Eobert de Cour9on. 



16 

Beneficien, sagt, dass im Falle des größeren Nutzens einer 
Kirche einer ausnahmsweise mehrere Pfründen zugleich an 
verschiedenen Kirchen besitzen könne und nennt als Beispiel 
hiefiir unseren Petrus Cantor. Er sagt wörtHch:^ Sepe accidit, 
quod tota ecclesia cathedralis rueret sublata columpna ei ad- 
modum necessaria, sicut accidit de ecclesia remensi sublato 
cantore par. ab illa« ecclesia, ut ipsum reclamantem compulit 
capitulum remense ad retinend am illam prebendam propter 
ecclesiae illius utilitatem, cum tarnen in aUa ecclesia esset 
prebendatus. An einer anderen Stelle* sagt er, dass mehrere 
magistri, unter diesen Petrus Cantor, welche an verschiedenen 
Kirchen Pfründen besaßen, es nicht wagten, in diesem Zu- 
stande zu sterben, und deshalb auf alle oder doch auf alle 
bis auf eine früher resignierten („et constans est, quod in tali 
statu [d. i. im Besitze mehrerer Pfründen] non auderent mori, 
sicut nuper uidimus de magistro scolarum aurehan. et de 
magistro S. de Loueciences et de mag. R [oberto] modici 
passus et de magistro nostro cantore parisiensi et de omnibus 
aliis timoratis, qui beneficiati erant in multis ecclesüs, non 
ausi sunt mori in illis, asserentes in morte neminem in pluribus 
talibus beneficiis posse saluari.")^ 

Sicher war also Petrus Cantor in Rheims Oanonicus an 
der Domkirche. Wahrscheinlich war er auch Cantor daselbst 
oder früher Succentor; wenigstens kann folgende Stelle aus 
„Verbum abbrev.*^* dahin gedeutet werden: ,,Aliae (sunt) tra- 
ditiones, quae schisma pariunt et divisionem, ut si optimus 
cantor vel psalmista in ecclesia Bemensi frieris, si monachus 
factus foeris, parum aut nihü inter eos scies«. 



1 Handschrift 3268, fol. 102 ^ 
« Fol. 106'. 

* Beide Stellen werden auch von B. Haur^au nach der Handschrift 
9206 der National - Bibliothek in seiner Notice sur le num. 8206 des 
manufic. in : Notices et Extraits des Manuscrits de la Bibliothöque Natio- 
nale et autres Biblioth^ques. T. 31, p. 261-274. Paris 1886. — Der in 8268 
genannte mag. S. de Loueciences heiBt in der Handschrift 8206 mag. 
de Loyecienes P. (wahrscheinlich Petrus); ersterer Name scheint der 
richtige zu sein. 

* Migne CCV. 660 (zweite Recension). 



16 



Er scheint unter dem Decan Folco in £heims als Cano- 
nicos gelebt zu haben, da dieser am jene Zeit Decan in 
Kheims war und auch Petrus Cantor ihn in seinen W^erken 
öfters erwähnt.^ 

In einer Urkunde von Sheims ddo. 1168, 16. Febraax,^ 
findet sich unter den canonici zu Bheims ein Petrus diaconos. 
Da Petrus Cantor bis zu seinem Tode nur Diacon war, so 
könnte er mit dem genannten Petrus diaconus identisch sein. 

3. Petrus Gantor in Paris. 

Ein neuer Abschnitt trat im Leben des Cantor ein, als 
er in Paris an der Domschule zu Notre Dame seinen Lehr- 
stuhl aufschlug. Ob er infolge seiner Gelehrsamkeit dorthin 
berufen worden, oder ob er selbst eine Schule errichtet, lässt 
sich nicht bestimmen, ebensowenig, wann er ein Canonicat 
zu Notre Dame, erhalten ; wahrscheinlich hängt seine Stellung 
als Lehrer der Theologie mit der £rlangung eines Cimonicates 
an gedachter Kirche innig zusammen, da die Canonici daselbst, 
wenigstens in ihrer Mehrzahl, an der Schule der Domkirche 
Unterricht ertheilten. 

Es scheint, dass Petrus Cantor um 1169 oder 1170 schon 
Lehrer der Theologie und Canonicus in Paris war. Caesa- 
rius von Heisterbach nämlich berichtet,® dass nach der 
Ermordung des Erzbischofs Thomas Becket von Canter- 
bury (28. December 1170) von den Magistern in Paris darüber 
disputiert worden sei, ob Thomas Becket als Rebell gegen 
seinen König oder als Märtyrer gestorben sei; das erstere 
habe magister Bogerius (Rugerus), das letztere Petrus Cantor 
behauptet.* 



^ Z. B. Verb. abbr. c. 29 (Migne 1. c. 106), Summa de sacr. et an. cons. 
Handschr. 9693, fol. 105. 

2 Vgl. Varin, Archives legislatifs de la vüle de Beims. II. part, 
Statuts 1, vol. 73. 

8 Dialogus miraculorum (recog. Jos. Strange), lib. VIU, c. 69. 

* Die Stelle lautet: „Quidam dixerunt (Thomam Cantuar.) damnatum 
ut regni proditorem, alii martyrem uti ecclesiae defensorem. Eadem 
quaestio Parisiis inter magistros ventilata est; uam magister Rogerus 



17 

Da nun aber ein derartiger Streit nach der Canonisation des 
Thomas, die 1173 durch Alexander III. erfolgte, wohl undenkbar 
ist, so fand der Vorfall in Paris zwischen 1170 — 1173 statt, und 
somit war Petrus Cantor um diese Zeit bereits Lehrer daselbst.^ 

Allgemein bekannt und genannt ist Petrus von der Dignität, 
die er zu Notre Dame erhielt, nämlich von der Würde des 
Cantor, der zweiten Dignität, nach dem Decanate, im Dom- 
capitel zu Paris. Cantor Parisiensis (ohne den Namen Petrus) 
oder einfach Cantor ist in den Handschriften und in den 
Werken verschiedener Theologen sein gewöhnlicher Name.* 

Als Cantor an der Domkirche zu Paris erscheint Petrus 
zuerst in einer Urkunde der Domkirch^ vom Jahre 1184.^ 
Sein unmittelbarer Vorgänger als Cantor war Galt er us.* Da 
dieser urkimdlich zum letztenmale 1178 erscheint, so dürfte 
Petrus um diese Zeit Cantor geworden sein.^ 

Die Würde des Cantor bestand an den meisten Dom- 
kirchen Frankreichs schon seit älterer Zeit ; in manchen Stifts- 



iuravit illum dignum fuisse morte, etsi non tali, beati viri constantiam 
iudicans contumaciam. E contra mgr. Petrus Cantor iuravit esse mar- 
^^em deo dignum, utpote pro libertate ecclesiae trucidatum." Petrus 
Cantor erwähnt auch in seinen Werken öfters ehrenvoll des Thomas 
von Canterbury, z. B. Verb, abbrev., CCV, c. 22 (81), 38 (132). Summa de 
sacram. et animae cons. Handschrift 9593, fol. 101. — Jener Eoger war 
wohl der Bechtsgeiehrte Roger der Normanne, der um 1099 als Decan 
von Rouen erscheint. Vgl. Hist. litt. XV, 327 f. ; Du Boulay, n. 774. 

1 Gleichzeitig mit ihm lehrten noch Petrus Pictav., Michael de Corbol. 
i'etrus de Gorbol., auch noch Stephan Langton, Praepositivus u. a. 

2 Vgl. Handschrift 1505 der Grazer TJniversitäts-BibHothek, fol. 83, 
welche eine expositio des Pater noster enthält mit der Bemerkung: 
scribit cantor Parisiensis; Handschrift 4477 der Wiener Hof-Bibliothek, 
fol. 27, Handschrift 16.972 der National-BibHothek, fol. 38^ 2042, fol. 198% 
3283, fol. 200^ 14.892. 

8 Vgl. Grand Pastoral im Nationalarchiv zu Paris, L. L. 76, p. 235. 

* Claudius Johly, 4er selbst Cantor an der Pariser Domkirche war, 
und in seinem Werke: Trait^ historique des ^coles ^piscopales etc., 
p. 567 — 692, Paris 1678, ein Verzeichnis der Cantoren zu Notre Dame 
Kibt, nennt als unmittelbaren Vorgänger des Petrus irrthümlich Gazo 
deViriaco, der Succentor im 13. Jahrhundert war. Über Petrus Cantor 
handelt Johly p. 572—674. 

• Chevalier 1. c. und H. Denifle, Geschichte der Universitäten, S. 684, 
scheinen an 1184 festzuhalten. 

Oatjabr, Petrus Cantor Parisiensis. 2 



18 

und Klosterkirchen wurde sie erst später eingeführt, z. B. in 
St. Germain d'Auxerrois zu Paris 1203 durch den Bischof Odo.^ 

An der Domkirche zu Paris existierte neben dem Gantor 
auch ein Succentor, da ein zahhreicher Clerus sich daselbst 
befand und der Gottesdienst mit größerer Feierlichkeit abge- 
halten wurde. Der Gantor hieß deshalb auch häufig Praecentor, 
später Grandchantre im Gegensatz zum Succentor. Als Suc- 
centor erscheint unter Petrus Cantor in den Urkunden öfters 
ein gewisser Galo. 

Die Aufgabe des Cantor war, wie dies schon der Name 
besagt, die Leitung des Kirchengesanges, um hiezu befähigt 
zu sein, musste er natürlich selbst im kirchlichen Gesänge 
wohl erfahren sein. 

Es ist bekannt, welches Gewicht die Kirche von jeher 
auf einen würdevollen Kirchengesang legte, und wie gerade 
im Reiche Karl des Großen der römische Choral an den Dom- 
und Klosterkirchen gepflegt wurde. 

Sicher wurde demnach an der Domkirche zu Paris zum 
Cantor nur gewählt oder bestimmt, wer selbst mit guter Stimme 
begabt, im Gesänge und in der Musik wohl ausgebildet war. 

Allein nicht bloß die Leitung des Chor- und Kirchen- 
gesanges und was damit zusammenhängt, z. B. der Unterricht 
der Knaben im Choral, die Beaufsichtigung und Correctur der 
Chorbücher u. a., gehörte zur Aufgabe des Cantor, sondern 
noch vieles andere. 

Er hatte zu bestimmen, wie viele und wer beim Absingen 
der Responsorien, Hymnen theUnehmen sollten; ad cantorem 
pertinebat correctio chori in clericos non canonicos; seine 
Sache war es, den Ton bei den einzelnen Theilen anzugeben, 
anzustimmen („tonum dare"). 

Er trug häufig einen Stab,^ vielleicht als eine Art Takt- 



1 Vgl. Gu6rard, Cartulaire de Pöglise Notre Dame, I, 80—82, 1850. 

^ Auch auf Siegeln von Cantoren finden sich diese Stäbe in den 
Händen der ]j(etreffenden Personen. — In manchen Stiftskirchen war der 
Cantorenstab mit Gold oder Silber überzogen und mit Edelsteinen ge- 
schmückt. Vgl. Du Molinet (Migne CCXI, 464) : „obiit Theobaldus sacerdos 
et praecentor, qui . . . baculum praecentoris auro et argento cum lapidibus 
decoravit.^' 



rr- 



19 

stock, und gieng mit dem Pluviale bekleidet im Chore umher, 
um auf Gesaugsfehler aufmerksam zu machen und so den 
glänzen Ghorgesang zu leiten. 

Die Aufiiahme in den Chor, womit an gewissen Tagen 
Q-eldvertheilungen (distributiones denariorum) verbunden waren, 
oblag zwar dem Decane, allein dieser bedurfte hiebei die Zu- 
stimmung des Cantor. 

Ln Chore hatte der Cantor den ersten Platz zur linken 
(Epistel-)Seite. 

Frühzeitig schon erlangten die Cantores auch gewisse Be- 
fugnisse über die niederen Schulen, was ihre ursprüngUche 
SteUung als Sangmeister nach und nach mit sich brachte. Ins- 
besonders übte der Cantor in Paris eine gewisse Jurisdiction 
über die niederen Schulen in der Stadt imd im Bannkreise 
derselben aus, nahm Einfluss auf die Anstellung und Über- 
wachung der Lehrer an jenen Schulen, welches Recht schon 
zur Zeit unseres Petrus Cantor nach den damaligen Verhält- 
nissen existiert haben mag, sich aber später immer mehr aus- 
bildete, bis es im 17. Jahrhundert durch die philosophische 
Facultät in Paris heftig bekämpft, aber von dem damaligen 
Cantor Claudius Joly in der oben genannten Schrift nicht 
ohne Erfolg vertheidigt wurde. 

Durch die große französische Revolution wurden die Dom- 
capitel in ihrer alten Gestalt bedeutend verändert, und seit- 
dem existiert die Dignität des Cantor in denselben nicht mehr. ^ 

In den Schriften des Petrus Cantor finden sich mehrfache 
Anspielungen auf das Amt des Cantor. Abgesehen von der 
oben oitierten Stelle im Verbum abbrev., wo der Verfasser vom 
großen Unterschiede im Ejrohengesange spricht, äußert sich 
Petrus Cantor besonders in seinen Distinctiones, vom Anfangs- 
worte „Abel" betitelt," häufig über den Choralgesang." 



1 Vgl. über die Würde des Cantor in den Domcapiteln besonders 
Hinschius, Kirchenrecht, IlL Bd., Scherer, Kirchenrecht I, 568; außerdem 
Dacange, Glossarium s. v. cantor, J. A. Pussow, De cantoribus ecclesiae 
vet et novi test. 1706. 

' Eine Art alphabetisches Lexikon über verschiedene Materien 
der Dogmatik, Moral, Ascese und Liturgik. 

• Z. B. 8. y. Jubilus. 



20 

Der Cantor in Paris hatte femer oftmals den Decan zu 
vertreten.^ In seiner Stellung als Gantor Paiisiensis erscheint 
Petrus häufig als Schiedsrichter, Zeuge oder Siegler in vielen 
Urkunden der Domkirche.* 



1 Vgl. über die Stellung des Cantor in Paris: Guörard, Carfcul. I, 
p. 10) 74 (faciet matriculam), 394, 896 (decanus et cantor loco eiiia); 
Actes de P^glise de Paris 1854, p. 161, 678. 

s 1185 als Siegler in einer Urkunde des Capitels von Notre Daxxie, 
vermöge welcher dasselbe dem David de Forest gewisse Bedingung^en 
betreffs eines ihm früher gegebenen Theiles von Wäldern pr. 20O «Tocli 
vorschreibt (Cart. 11, 811); 1186 als Schiedsrichter in einer Streitsaclie 
des Capitels gegen Otto von TheoviUe (Cart. U, 872) ; 1186 als Sieg'ler 
in einer Kaufsurkunde des Capitels (Cart. 111^ 886) ; 1189 als Zeuge in 
der Schenkungsurkunde der Elisabeth von Courtenet an das Capitel 
(Cart. I, 295) ; im selben Jahre als Siegler in einer Urkunde des Capitels, 
die sich auf den Nachlass des verstorbenen mag. Hugo von Novarra. 
bezieht; in gleicher Eigenschaft in einer Urkunde des Capitels vom 
Jahre 1189 betreffs einer Zehentschenkung (Cart. Ü, 198, auch bei Mig^e 
CCV, '911); April 1190 beauftragt König Philipp August den Biscliof 
Mauritius SuUy von Paris, den Abt von Genovefa, Decan, Cantor und 
Kanzler zu Notre Dame, über die zwischen den Canonici von Notre 
Dame zu Etampes und den Clerikem von Sainte-Croix schwebenden 
Streitigkeiten zu richten (Leopold Delisle, Catalogue des Actes de Philippe 
Auguste, Paris 1856, Nr. 808) ; darauf bezieht sich eine Urkunde Philipp 
Augusts aus Palästina, apud Accon 1191, worin der König die von den 
obgenannten Eichtern gefällte Sentenz bestätigt (Delisle, 1. c. Nr. 338); 
15. Mai 1191 apud s. Petrum, Eomae befiehlt Cölestin III. dem Abt von 
Genovefa und dem Cantor zu Paris, das Kloster ad omnes sanctos in 
insula Catalaunensi (Chälons sur Marne) gegen den erwählten Bischof 
von Chälons zu schützen (Pfiugk-Harttung, Acta Pontificum Bom. inedita I, 
855, Tübingen 1881 — in der Nr. 2 ist unrichtig als damaliger Cantor 
Gerard genannt; JaffS, Begesta Pontificum Bom. ab condita ecclesia ad 
annum p. Chr. n. MCXC VTH, ed. sec. corr. et auctam ausp. G. Wattenbach 
curaverunt S. Löwenfeld, F. Kaltenbrunner, P. Ewald, t. I, Lipsiae 1885, 
n, 1888, Nr. 16696). — Im selben Jahre 1191 erscheint Petrus Cantor als 
Siegler in einer Urkunde des Pariser Domcapitels über die dem Bischöfe 
von Paris zu leistende procuratio in der Kirche des hl. Exsuperius zu Cor- 
beuil (Cart. I, 45, auch Migne CCV, 913). — Aus dem Jahre 1192 existieren 
zwei noch ungedruckte Urkunden im Originale (Nationalarchiv in Paris, 
L. 451, n. 10 und 902, n. 8), welche das Siegel des Cantor Petrus enthalten. 
(Sieh Anhang.) — Als Siegler erscheint er 1193 in einer Urkunde des Dom- 
capitels, worin bezeugt wird, dass der Canonicus Nicolaus ein vom Capitel 
gekauftes Haus für den Fall seines Ablebens der DomMrche als Almosen 
schenkte (Cart. II, 468); 1195 in einer Urkunde des Capitels von Notre Dame 



21 



Außerdem finden wir Petrus Cantor in verschiedenen Ur- 
kunden, welche wichtige auswärtige Angelegenheiten be- 
treffen. Selbst von den Päpsten ward er nicht selten wegen 
seiner Kechtskenntnis und seiner Gerechtigkeitsliebe als Richter 
delegiert, so dass es im Oistercium bis tertium^ mit Recht von 
ihm heißt: „Summorum pontificum ac praecipue Coelestini unus 
prope per universas Gallias ad componendas lites expedien- 
daque ardua in primis negotia delegatus" u. s. w. 

Nur einige Belege mögen folgen. 1188 (IB. Juni) ward 



betreffs gewisser Grundstücke des Capitels. — Im selben Jahre 1195, 
25. August, Born im Lateran, beauftragt P. Cölestin in. den Cantor und 
Kanzler von Paris die Klage der Mönche von St. Harbin de Campis üher 
den Altar und die Kirche zu Lerniacum zu untersuchen (Original im National- 
archive, L. 285, n. 14, bei Jaff6 1. c. n. 17281. — Im Jahre 1196 findet sich Petrus 
Cantor noch einigemale in den Urkunden, so in einer Urkunde, in der 
die Äbtissin des Klosters von Cala verspricht, das, was Odo, der er- 
wählte Bischof von Paris, Hugo, der Decan, und Petrus Cantor zu Paris 
bezüglich der Exemtion ihres Klosters von der Domkirche zu Paris be- 
stimmen werde, getreulich zu beobachten; als Zeuge findet sich femer 
in der Urkimde des Bischofs von Paris Mauritius de Sully, in der dieser 
bekennt, dass Ansellus von Chetenvilla und seine Frau ihien ganzen 
Zehent bei Castanet der Kirche Notre Dame in Paris verkauft hatten 
(Cart.II, 114, auch bei Migne CCV, 906); als Siegler erscheint er in jener 
Urkunde, in der das Capitel von Notre Dame bezeugt, dass König 
Philipp August demselben die Freiheit verliehen habe, ein Haus bei der 
kleinen Brücke (rechtes Seineufer) zu erbauen (vgl. Inventaires et Docu- 
ments publi6s . . . par Alex. Teulet, 1. 1, Paris 1868, p. 190, n. 458, Original 
im Nationalarchiv). — Endlich sehen wir den Petrus Cantor noch im 
letzten Jahre seines Lebens, 1197, in zwei Urkunden vertreten, und zwar 
in jener, in der er mit den oben erwähnten Schiedsrichtern Bestim- 
mungen über das Verhältnis des Klosters Cala zu Notre Dame tnSt 
(Cart. I, 67) und in jener, in der er mit Wilhelm, dem Abte von Carlieu, 
am Hofe der Königin -Mutter Adela die Sentenz fällte, der zufolge dem 
Capitel von Paris, welches in Zukunft den Jahrtag des Friedrich von 
Doujou begehen werde, die gesammten Gerechtigkeiten in Virsi zu- 
gesprochen werden (Regest, in Cart. II, 268). — Noch nach dem Tode 
des Petrus Cantor geschieht seiner Erwähnung in einem Erlasse des 
Papstes Innocenz m. an Bischof Odo von Paris, den Cantor daselbst 
und Petrus von Corbeuil (ddo. Rom, 29. April 1198) wegen Verleihung 
einer durch den Tod Heinrichs de Sognies in Rom vacant gewordenen 
Pfründe (vgl. H. Denille, Cart. Univ. Par. I, p. 12 und 18, Paris 1889). 

1 Seu historia elogialis etc. authore Aug. Sartorio, p. 160 und 161. 
Pragae 1700. 



82 

Petras Cantor mit Abt Stephan von St« Genovefa und dem 
Decan zu Notre Dame in Paris vom Papst Clemens m. dele- 
giert, den Bischof Manasses von Troyes zu zwingen, von der 
Kirche St. Lonp za Troyes canonici regolares zu nehmen und 
in der £irche zu Marigny einzusetzen.^ Im gleichen Jahre 
(8. und 9.December) erhielt er mit Abt Guarinus zu St. Victor in 
Paris von Clemens m. den Auftrag, das Inderdict in Cambray 
strenge zum Vollzug zu bringen und die nicht Residenz hal- 
tenden Canonici daselbst zu ermahnen, mit jenem Theile der 
Einkünfte zufrieden zu sein, der nach dem Statute jener 
Elirche den Abwesenden zukomme.' 

Nun ist zwar in den eben citierten Urkunden nur all- 
gemein vom Cantor Parisiensis die Bede, allein um diese Zeit 
bekleidete niemand anderer als unser Petrus dieses Amt. 

Im Jahre 1190 (17. October) schreibt Papst Clemens an 
den Abt Stephan von St. Genovefa, den Decan und den Cantor 
in Paris, dass die in Meaux von dem verstorbenen Petrus, 
Bischof von Tusculum, gestiftete Pfiräide nach dem Willen des 
Stifters erhalten und verliehen werde. ^ 

1196 (27. September) bestimmt Papst Cölestin III. den 
Abt Johannes von St. Genovefa und den Cantor in Paris als 
Bdchter zwischen dem Abt von Compiegne und einem ge- 
wissen Hector, capellanus s. Clementis, der dem Abte den 
Gehorsam verweigerte.* 

Als König Philipp August von Frankreich im Juni 1190 
zum Kreuzheere zog, bestimmte er in einer Urkunde (Paris) 
neben dem Decan von Notre Dame auch Petrus Cantor fiir 



1 Vgl. Stephan! abb. S. Genovefae, deinde episcopi Tomac. epistolae, 
ed. Du Molinet 1678, p. 411; Migne CCIV, 1367, Jaflfö, Regesta Pontificum 
Rom. ab condita ecclesia ad annum p. Chr. n. MCXCVni, ed sec. cor- 
rectam et auctam auspiciis G-. Wattenbach curaverunt S. Löwenfeld, 
F. Kaltenbrunner, P. Ewald. T. I. Lipsiae 1885, II. 1888. Nr. 16.287. — 
Vgl. auch ep. Steph. ad Clem. III. de iis, quae gessit in episcopum cum 
Petro cantore. Jafifö, Reg. p. 874^ n. 175. 

^ Vgl. Pflugk-Harttung , Acta Pontificum Romanorem inedita. I, 
p. 846 und 846. Tübingen 1881. Jaff6, n. 16.357 und 16.358. 

3 Du Plessis, Hist. de Meaux, II, 77, Jaffe, l. c. 16.525 (auch Migne 
CCIV, 1470). 

* Jaff6, n. 17.428. 



;^. 



23 

den Fall der Erledigung des bischöflichen Stuhles von Paris 
i^ährend seiner Abwesenheit sich zu vereinigen mit Wilhelm, 
Erzbischof von !Bheims, in Betreff der Reformierung der fabrica 
ecclesiae zu Notre Dame.^ 

4, Petrus Cantor erwählter Bischof von Toumay. 

Während der Zeit, als König Philipp August beim Kreuz- 
zuge sich befand, wurde das Bisthum Toumay in Flandern, 
^welches damals unter Frankreichs Oberherrschaft stand, durch 
den Tod Everards (28. September 1191) erledigt. Clerus xmd 
Volk von Tournay erwählten Petrus, den Oantor zu Paris, 
zu ihrem Bischöfe. Allein der Erzbischof von Eheims, Wilhelm 
von Champagne, ein naher Verwandter des Königs und von 
diesem für die Zeit seiner Abwesenheit zum Verweser des 
Königreiches bestimmt, versagte als Metropolit dem Gewählten 
die Bestätigung, und zwar aus dem Grunde, weil die Wähler 
einen Formfehler begangen hätten.^ 

Umsonst war es, dass der Abt Stephan von St. Genovefa sich 
beim Erzbischofe fiir Petrus Cantor, den er sehr achtete, in einem 
noch erhaltenen Schreiben auf das nachdrücklichste verwendete. 

Da dieses Schreiben ein beredtes Zeugnis eines Zeit- 
genossen über das allgemeine Ansehen, dessen sich Petrus 
Cantor ob seiner Gelehrsamkeit und Tugendhaftigkeit erfreute, 
enthält, so seien die auf den Cantor sich beziehenden Stellen 
hier wörtlich wiedergegeben. 



1 Vgl. Grand Pastoral de T^glise de Paris, p. 693, im Nationalarchive 
zu Paris; hieraus Gu6rard, Cart. U, 400. — Auch: Leop. Delisle, Cata- 
logue des Actes de Philippe Auguste avec ime introduction sur les 
sources etc. Nr. 316. Paris 1856. 

^ Eine bestimmte Nachricht hierüber ist nicht auf uns gekommen; 
nur Muldrac (gest. 1667) berichtet (Compendiosum Abbatiae Longi pontis 
chronicon, Paris 1662, p. 87), die Wähler von Toumay hätten es unter- 
lassen, den Erzbischof von Kheims als Reichs verwes er um Gestattung der 
Wahl zu bitten; der König habe nämlich bei Abreise ins heilige Land 
befohlen, dass die Wähler vor die Königin Adele (welche Mitverweserin 
des Reiches war) und den Erzbischof von Rheims kommen soUten, wie 
sie vordem vor den König zu kommen pflegten, um von ihnen die Er- 
Wbnis zur freien Wahl zu erbitten, die ihnen ohne Widerrede zuzugestehen 
sei; dies hätten nun die Wähler zu thim unterlassen. 



24 

Stephan spricht in diesem Briefe^ mit dem Aufgebote 
aller Beredsamkeit und mit den größten Lobeserhebungen 
über Petrus Cantor in folgender Weise : Domino Bemeusi pro 
Petro Cantore Parisiensi in Tomacensem episcopum electo. 
Commune refugium patens omnibus mansuetudo vestra sie ex- 
tendatur ad singulos, ut colligat universos. Veniunt ab Oriente 
et occidente et recumbunt in sinum vestrum. Nee facile 
semel admissus emittitur, nisi contigerit ab eo committi, quod 
non mereatur remitti. Haec sunt quae mihi pluribusque aliis 
fiduciam praestant, ut pro devoto filio vestro magistro !Petro 
cantore Parisiensi pandatur nobis aditus supplicandi, ne vobis 
provocet indignationem, qui sibi non advocat dignitatem, ne 
cui meritum sufficit proprium, factum officiat alienum. Vir 
est, cuius per omnes ecclesias famae suavis 
diffunditur opinio, qui gemina scientia effica- 
cissime clarens et doctrinam monitis ornat et 
moribus disciplinam. Origeni parem in aliquo^ 
sie cum docere credimus ut vivere, sie vivere, ut 
docere. Tales in candelabro vestro lucemas, tales in dia- 
demate capitis Aaron lapides, tales in sancta B*emensi ecclesia 
suffraganeos esse decet, ut vicinae provinciae sancta aenaula- 
tione moveantur ad promotionem consimilium et soUicitudo 
vobis commissa facilius et frequentius iuvetur per religionena 
et prudentiam ipsorum. Si quid minus ordinate in 
electione ipsius a Tornacensibus clericis factum 
est, neo absentis ignorantiam tangere, nee inno- 
centiam iusti laedere debet, cum facillime, si 
vobis placet, possit emendari, si quid perperam 
factum est, commissa vobis a Deo et potestate 

1 Migne, CCXI, 462 (auch CCV, 11 ; Denifle, Gart. I, p. 46). 

'^ Die Einschränkung parem in aliquo zeigt, dass Stephan den Cantor 
dem großen Alexandriner vor allem darin gleichstellen wollte, dass bei 
beiden zwischen Leben und Lehre die innigste Harmonie bestanden. 
Übrigens gebraucht auch Petrus Cantor diesen Satz: hie est, qui vivit 
ut loquitur et loquitur ut vivit von Orig. (De tropis loquendi, Handschrift 
von Paris 14445 und Verbum abbr. c. 6. (Migne, CCV, 38) und c. 80 (Migne, 
CCV, 241) ; wobei er das einemal die Worte dem hl. Gregorius, das andere- 
mal dem Eusebius von Casarea (Hist. eccl. lib. 6, c. 3) zuschreibt, wo sie 
sich, wenn auch nicht ganz wörtlich, in der That finden. 



25 

corripiendi errores et scientia corrigendi. Ut enim 

salva gratia vestra sine praeiudicio loquar, concurrunt in 

electione illa quattuor, quaeaLeone I dicta sunt, 

Vota civium, testimonia populorum, honoratorum 

arbitrium, electio clericorum. Huc accedit inte- 

gritas personae, hilaritas famae, necessitas simul et 

latilitas ecclesiae yiduatae. Sed et hoc frequenter et solemniter 

dicitur, quia dominus rex, quem deus servet ac nobis resti- 

tuat, ^ personam istam nominatim expressit, nominatim pro ea 

rogavit, nominatim ecclesiae Tomacensi praeesse voluit et 

intendit. Si aliter factum ftierit, verendum est et forte verum, 

ne indignationem et iram et immissiones per angelos malos 

concipiat et adversus eos, qui promotionem tantae personae 

impedierint, regalem et iuvenilem iracundiam accendat. In 

bis Omnibus Pater sancte providete honori vestro, consulite 

sano opinionis vestrae testimonio, deferte regio mandato et 

correcto prius sicut decuerit errore eligentium, confirmata 

electione patemo sinu suscipite electum et dilectum vestrum.^ 

Aus diesem Schreiben geht hervor, dass es auch der Wille 



1 Daraus ergibt sich, dass der Brief wohl während der Abwesenheit 
des Königs beim Kreuzzuge geschrieben wurde, womit alle Umstände 
zusammenstimmen, insbesonders auch die Thatsache ihre Erklärung 
findet, dass der Stuhl von Tournay 1191 — 1198 vacant blieb. Unrichtig 
ist die Angabe, dass die Wahl des Petrus Cantor schon 1189 statt- 
gefunden habe (Annales du dioc^se de Soissons par Pöcheur, t. 12, 
628—681, Soissons 1868). Irrig ist es auch, wenn C. Chalemot schreibt: 
electus autem Atrebatensis (Series sanctorum et beatorum ac illustrium 
virorum sacri ordinis Cisterc, p. 186, Paris 1670) ; er verwechselt Tournay 
mit Arras. 

^ Dieses Schreiben Stephans widerlegt die in zahlreichen Werken, 
die über Petrus Cantor handeln, verbreitete Ansicht, derselbe habe die 
Wahl selbst abgelehnt (z. B. Buzelinus, Annales Gallo-Flandriae , auch 
die Bollandisten Act. SS., Mai, t. IV, 295). Der Verfasser der Histor. 
Tomac., sowie Joan. BuzeUnus in den Annales Flandriae, der dem 
ersteren folgt, behaupten, dass Petrus Cantor nach Stephan zum 
Bischof von Tournay gewählt worden und somit der Brief Stephans 
unecht sei. Allein die erstere Annahme ist in sich unmöglich, da Petrus 
Cantor 1197, Stephan aber am 11. Sept. 1208 starb. Über Stephan ver- 
gleiche unter anderem: Feret, L'abbaye de St. Genevieve, Paris 1888, 
1. 1, eh. 6, p. 125—147. Über die Wahl des Petrus Cantor zum Bischof 
von Tournay sieh Feret I, 141. 



26 

des Königs Philipp Augast war, Petrus Cantor zum Bischof 
von Toumay gewählt zu sehen. 

Trotz alldem erklärte Erzbischof Wilhelm dessen Wahl 
für unerlaubt und ungiltig; hingegen empfahl er den Wählern 
in Toumay auf das eindringlichste den Abt Stephan von 
St. öenovefa. Stephan wurde denn auch zum Bischof gew^ählt 
und um Ostern 1193 vom Erzbischof Wilhelm consecriert. ^ 

Papst Cölestin HE., bei dem Petrus Cantor in hoher 
Gunst gestanden zu sein scheint, nahm dessen Nichtbestätigiing 
und die Wahl Stephans übel auf. Dieser rechtfertigte sich nun 
in einem Schreiben an den Papst dahin, dass er von seiner 
Erhebung auf den bischöflichen Stuhl von Toumay nicht das 
Mindeste gewusst noch irgendwie dazu etwas beigetrag^en 
habe. 2 

5. Weiterer Lebenslauf des Petrus Cantor. 

Im Jahre 1196 fangierte Petrus Cantor in der Ehe- 
scheidungsklage zwischen König Philipp August und seiner 
Gemahlin Ingeburgis, einer dänischen Prinzessin, mit dem 
Erzbischof von Sens, dem Bischöfe von Arras, den Abten 
von Citaux und Clairvaux als Richter,^ der beste Beweis für 
das große Ansehen, dessen er sich erfeute. 

Im Jahre 1196 soll nach dem Tode des Bischofs Mauritius 
von Sully, der die Kirche von Paris 1164 — 1196 geleitet hatte 



1 Wilhelm von Champagne war 1165—1168 Bischof von Chartres, 
1168—1176 Erzbischof von Sens, 1176 bis zu seinem Tode (7. Sept. 1202) 
Erzbischof von Rheims, t)ardinal und Legat des apostolischen Stuhles. 
Er fand als Kirchenfürst und Staatsmann verschiedene Beurtheilung. 
Guillelmus Brito (in seinem Wilhelm gewidmeten Gedichte „PJiilippeis"), 
Petrus von Blois, Petrus CeUensis, Rigord, der königl. Leibarzt, Johann von 
Salisbury, Rogerus von Hoveden, Vincenz von Beauvais urtheüen günstig 
über ihn ; dagegen melden das Chronicon monachi S. Mariani imd Alberik 
von Trois-Fontaines in seinem Chronicon (Monum. Germ. bist. XXIII), 
dass Wilhelm anfangs sich als tüchtig gezeigt, später aber auf Abwege 
gekommen sei. Eine Würdigung desselben als Staatsmann gibt Charles 
d'Auteuil : Ecloge de Guillaume (in Histoire de ministres d'^tat. Paris 1642). 

2 Ep. 179 (Migne, CCXI, 466). 
8 Vgl. Migne, CCVI, 1059 sq. 



_^ 



27 

die Wahl zum Nachfolger desselben auf Petrus Cantor gefallen, 
von diesem jedoch abgelehnt worden sein. 

Die einzige Quelle hieför ist der schon genannte Eng- 
länder Ralph (Radulphus von Coggeshall),^ der in seiner 
Chronik" Folgendes berichtet: Hie (Petrus Cantor) post de- 
cessum domni Mauricii Parisiensis episcopi, qui illud prae* 
clarmn atque eximium opus basilicae B. Mariae in eadem urbe 
inchoavit, ad pontificatus honorem ab universo clero et populo, 
rege annuente, electus tam grave onus suscipere, ne ab altiori 
gradu fieret casus, omnimodis recusavit. 

Ralphs Bericht wird nun zwar weder durch die alten Chro- 
niken, welche des Petrus Cantor gedenken,^ noch durch die 
alten Schriftsteller, welche die Wahl von Mauritius' Nachfolger, 
Odo, besprechen, irgendwie bestätigt, dürfte aber nichtsdesto- 
weniger auf Wahrheit beruhen. Ralph konnte die Thatsache 
wissen, da er wahrscheinlich um jene Zeit als Schüler des 
Petrus Cantor in Paris studierte» Das Schweigen der übrigen 
Zeugen aber erklärt sich vielleicht dadurch, dass jener Vorfall 
außerhalb Paris nicht recht bekannt wurde. 

Erst in viel späterer Zeit geschieht wiederum der Wahl 
des Petrus Cantor zum Bischöfe von Paris wiederholt Erwäh- 
nung, wobei nicht selten Wahres mit Falschem vermischt wird. 
So macht Joh. Trithemius (der am Ende des 15. und An- 
fang des 16. Jahrhunderts lebte und Ralphs Chronik nicht ge- 
kannt zu haben scheint), den Petrus Cantor zum wirklichen 
Bischöfe von Paris („Petrus Cantor Parisiensis et postea epi- 
scopus") allerdings mit dem Beisatze „ut ferunt".* Aus Trithe- 
mius schöpfte öuilelm. Eisengrein („Petrus Cantor Pari- 
siensis et [ut ferunt] episcopus").^ Wahrscheinlich entlehnte 
auch Sixtus Senensis aus Trithemius seine Nachricht über 



1 S. ob. S 9. 

3 Ohronicon Anglicanum, ed. J. Stevenson, p. 79, London 1875. 

B Wie: Chronik des Marianus von Auxerre, Alberik von Trois- 
Fontaines, Bernhard Iterius u. s. w. 

^ De scriptor. eccles., Colon. 1546, p. 175. Dagegen sagt er in seiner 
Chronik von Hirschau, wo er gleichfalls des Petrus Cantor Erwähnung 
that^ von dessen Episoopate nichts. 

^ Catalogus testium veritatis. Fol. 107. Dillingen 1565. 



28 

Petrus Cantor („Petrus Cantor Parisiensis et postea eiusdem 
urbis episcopus**).' Die Handschrift 18.122 der National-Biblio- 
thek in Paris trägt die Überschrift: Petri Cantoris Epi.; am 
Rande steht jedoch: non ftiit Epus. Paris... Die Gallia 
christiana erwähnt die Wahl des Petrus Cantor zum Nach- 
folger des Mauritius im Bisthum Paris, und zwar unter aus- 
drücklicher Berufimg auf Ralph von Coggeshall („si Radulpho 
abbati Coggeshalensis monasterii fides^).^ 

Endlich findet sich bei Chrysostomus Henri quez^ 
folgender sonderbare Bericht über Petrus Cantor, der theil- 
weise Richtiges enthält, theilweise auf einer Verweclislung 
unseres Cantor mit Petrus de Nemours, Bischof von Paris 
(1208^1219) auf Grund einer missverstandenen Stelle bei 
Rigord* in seiner Geschichte Philipp Augusts beruht: In Gallia 
beatus Petrus, cognomento Cantor, monachus in Fontanella, 
virtutibus et miraculis celeberrimus. Hiezu heißt es in der 
nota 1 ad vocem Cantor: et ex cantore Parisiensis episcopn^ 
septuagesimus secundus. . . de quo ait Rigordus in vita Phi- 
lippi Augusti sub anno domini 1213: Fuerunt tres fratres 
uterini episcopi et sibi contemporanei , Stephanus Novio- 
mensis, Petrus Parisiensis et Guilelmus Meldensis, filii Gal- 
teri quondam Franciae camerarii, fratres Gualteri iunioris, 
viri satis virtute laudabilis et in palatio regis praeclari. 

Petrus blieb in seiner Stellung als Cantor und als Lehrer 



1 Bibliotheca Sancta, üb. IV, p. 361, Venedig 1566. 

2 T. VII, edit. 1715, col. 78. 

8 Menologium Ord. Cisterciensis notationibus illustratum aucfcore 
Chr. H. Antverpiae 1680; p. 166 sq., zum 19. Mai. 

^ Bigord war Benedi ctiner zu St. Denis und Leibarzt Königs Philipp 
August. Sein Todesjahr (erste Hälfte des 13. Jahrhimderts) ist unbe- 
kannt. Seine Geschichte des genannten Königs wurde neu herausgegeben 
im Werke : Oeuvres de Rigord et de Guillaume Le Briton, Historiens 
de Philippe Auguste, publi6s pour la soci6t6 de Thistoire de France par 
H. Franciscus Delaborde. Paris 1882. Hier berichtet Rigord (p. 136) kurz 
von Mauritius' Tode und der Nachfolge Odos, ohne der Wahl des Petrus 
zu erwähnen ; er sagt Nr. 114 zu : Gesta decimi octavi anni (nämlich des 
Königs Philipp August): Eodem anno mortuus est Id. Sept. Mauricius 
episc. i successsit Odo, natione Soliacensis, frater Henrici Bituricensis 
archiepi, longe a predecessore moribus et vita dissimilis. 



<3er Theologie an der Domschule zu Notre Dame,^ war aber 
xiicht Lehrer an der Universität Paris, die erst circa 1208 ent- 
stand. ^ 

6. Petrus Cantor Decan in Rheims. 

Noch einmal, kurz vor dem Abende seines Lebens sollte 

X^etrus Cantor zu einer höheren kirchlichen Würde berufen 

^^^erden. Als nämlich in B*heims nach Kadulphs Tode (circa 

1196) die Stelle des Decans am dortigen Domcapitel erledigt 

war, warfen die Canonici, wie schon früher einmal, ihre Augen 

auf den Cantor in Paris und wählten ihn zum Decan. Petrus 

Cantor nahm die Wahl an, Erzbischof Wilhelm bestätigte diese 

ungesäumt in einem Schreiben an das Capitel zu Bheims, 

während er den Cantor selbst in einem sehr ehrenvollen 

Schreiben, dessen schon oben Erwähnung geschah, bat, sich 

von seinem Entschlüsse nicht mehr abwendig machen zu 

lassen, sondern der Mutterkirche Bheims seine Talente imd 

seine Tugenden nutzbar zu machen. 

D«i8 Schreiben des Erzbischofes an das Capitel in Rheims 
lautet:^ B. praeposito, S. cantori totique B>emensis ecclesiae 
capitulo dicit se gratias agere, quod Dens ecclesiae Bemensi 
talem providit et restituit successorem, cui mores ad exem- 
plum et scientia exuberat ad doctrinam. Nos igitur devotionis 



1 Viele Schriftsteller, meist neuerer Zeit, berichten, Petrus Cantor 
sei Vorsteher (rector) der theologischen Schule zu Notre Dame gewesen; 
so Heinrich von Gent (gest. 1298), Catalogus scriptorum illustrium 
(bei Fabricius, Bibl. eccl., Hamburg 1718), c. 15: theologicae scholae 
rector, Trithemius, De script. eccl. p. 175: theologicae scholae Farisiis 
moltis annis gloriose praefuit; ihnen folgen Du Boulay 1. c. H, p. 768 
und Carolus de Visch, BibHoth. script. s. ord. Cisterc, ed. II, Col. 
Agripp. 1666, p. 262. — Jedoch hatte Petrus Cantor schwerlich die Leitung 
über die einzelnen Schulen; wahrscheinlich hielten mehrere canonici, 
die zugleich magistri sein mussten, Schulen, wie Petrus de Corbolio, 
mag. Nicolaus. Es gab übrigens mehrere theologische Schulen in Paris. 
Vgl. Denifle, Geschichte der Universitäten. — Die Schule zu Notre Dame 
war am Platze vor Notre Dame, am sogenannten Parvis, heutzutage 
noch Parvis de Notre Dame genannt. 

* Vgl. Denifle, Geschichte der Universitäten, an vielen Stellen; 
auch Cartul. Univ. Paris. Introductio. 

« Marlot, 1. c. II, 442 (Migne, CCIX, 827 und 828). 



30 

vestrae providentiain in Domino plurimom commendantes 
electionem dilecti nostri Petri apud Deum et homines com- 
mendabilem ßemensi ecclesiae utilem approbamus et gratnin 
habentes libenter et liberaliter confirmamus. 

Das Schreiben an Petrus Cantor hat folgenden Wortlaut: ^ 
Yuilleknus Dei gratia Itemensis archiepiscopus, s.^ [Romanae 
ecclesiae . cardinalis, apostolicae sedis legatus, dilecto filio 
M.P.Parisiensi cantori immo decano Bemensi salutem et dilec- 
tionem. Deo etjßemensi nostrae ecclesiae in gratiarum debitas 
assurgimus actiones, eo quod inspirante Altissimo eadem ecclia 
vos elegerit in decanum vobis quoque congratulandum duximus, 
quod onus a Deo vobis oblatum tarn humiliter 
suscepistis nee ad uberiores ecclesiae reditus ocolus de- 
gener vel avaritae Spiritus vos retorsit. Eandem vero elec- 
tionem ratam habemus et gratam, utpote qui iam alias quando 
super eodem decanatu capitulum in nos compromiserat Uni- 
versum, eum vobis prius obtulimus, si velletis; sed vos sa- 
niere tunc usi consilio, tendentes ad finem quem nunc estis 
Deo gratias assecuti, creditum vobis a Deo talentum in fre- 
quentiorum studiorum et scholarum loco prius erogare plu- 
ribus salubriter volebatis. Verum iam hora est, ut de semi- 
nibus, quae messuistis, in alios exultationis manipulos ad 
propria referatis ; unde nostris esurientibus parvulis frangatur 
panis alimoniae doctrinalis et pia vicissitudine lacte doctrinae 
per vos laxa matris ubera repleantur, quae vos aliquando par- 
vuli suxistis. Dignum erat et iustum, ut nostra primitiva mater 
ecclesia, quae vos aliquamdiu indigentiae commodaverat alio- 
rum, suis in necessitatibus revocaret filium, suis retineret 
usibus revocatum. Unde qua possumus obedientae districtione 
vobis iniungimus, secura in domino conscientia consulentes, 
ne cuipiam credatis vobis aliter suggerenti, quominus in hoc 
proposito perseveretis stabiles et immoti; in domino quippe 
confidimus, quod et in nobis et nobiscum in aliis finictum 
Deo placitum facere debeatis ; utpote quem non soli Remensi 
ecclesiae, sed et toti provinciae regnoque potius universo pro- 
visum esse credimus, etiam iis temporibus reservatum, vestrae 

^ Actes de la province eccl^siastique de Keims Ü, 326 (Migne, CGV; 
555 squ.). 



31 

namque circumspectionis consilio in propriis et oommunibus 
negotiis specialiter uti decrevimus ... Et ut in eodem stetis 
proposito firmiores, quandocumque vobis placueiit et ecclesiae 
nostrae titulum et suscipere dignitatis officium per nos vel 
per venerabilem fratrem et consanguineum nostrum reveren- 
dum Parisiensem episcopum ad saoerdotium promoveri, gratum 
nobis erit etc. 

Aus diesem Schreiben des Erzbischofs geht zugleich hervor, 
dass dieser dem Petrus Cantor schon einmal die Decanie in Bheims 
angetragen (um 1 190), Cantor aber damals abgelehnt hatte. 

ßalph von Coggeshall^ erzählt, dass Petrus Cantor die 
Wahl nicht annehmen wollte; aber da er in Bheims in dieser 
Angelegenheit weilte, habe sich die Bürgerschaft der Stadt 
ihm bittend zu Füßen geworfen. Darauf habe er eingewilligt 
unter der Bedingung, dass das Capitel in Paris seine Zu- 
stimmung gebe. Ralphs Bericht lautet: Postmodum vero a 
domno Wülemo Remensi archiepiscopo et ab universo clero 
et civibus eiusdem urbis rogatus, immo compulsus, ut deca- 
natum eiusdem ecclesiae susciperet, non facile assensum prae- 
buit; sed tandem devictus importunitate precantium civium, 
qui se ad pedes eins in rogando prostraverant, hac conditione 
consensit, si licentiam a capitulo Parisiensi impetrare posset. 

Es steht demnach fest, dass Petrus Cantor die Wahl zum 
Decan in Blieims annahm. Deshalb wird er auch als solcher 
aufgeführt und gezählt, obwohl er in die Würde nicht einge- 
führt wurde, sondern früher starb. So berichtet das Nekro- 
logium von Rheims zu XIH. Kai. Oct.: Obiit bone me- 
morie mger, Petrus noster decanus et Longipontus postea mo- 
nachus,^ und die Gallia christ. fuhrt Petrus unter den 
Decanen von BJieims als Petrus I. auf. 

7. Petrus Cantor in Longpont. Sein Tod daselbst. 

Petrus Cantor starb also bald nach der Annahme der 
Wahl zum Decan in Rheims, bevor er in seine Würde einge- 
führt wurde. 



J L. c. 

^ Vgl. Varm, Archives legislatives de la ville de Beims. 2. partic. 
Statuts. 1. Vol. 184B, p. 98. 



32 

Über die umstände seines Todes berichtet Balph, den 
obigen Bericht fortsetzend, Folgendes: Dumque aEemensium 
urbe Parisios perfioisceretur, ut hanc lioentiam impetraret, de- 
venit in itinere ad quamdam abbatiam ordinis Gisterciensis, 
cui vocabulum Longus Pons, ut eorum orationibus se 
commendaret ac quendam librum secum de armario aspor- 
taret; ubi mox gravi infirmitate correptus et ad extrema de- 
ductus, testamentum suum disposuit atque habitum sanctae 
religionis in magna spiritus alacritate suscepit sicqae Om- 
nibus huius seculi curis exoneratus vitam laudabilem fine 
laudabili tenninavit. Ex qua re satis coniici potest, quia 
raptus est, ne malitia temporis huius mutaret intellectum eius 
aut ne fictio humanae laudis decipert animam illius.* 

In etwas anderer Weise erzählt der Mönch Johannes 
de Flissitura (Flissicuria) aus dem Kloster Corbie (Diöcese 
Amiens) die Veranlassung, die den Petrus Cantor nach Long- 
pont brachte. Sein Bericht lautet wörtlich i^ Erat in urbe 
Parisiis magister Petrus ecclesie beate mariia cantor, uir qui- 
dem litterarum scientia admodum eruditus, conuersatione ho- 
nestus, uita et moribus preclarus, qui cum in episcopum fiiisset 
electus, timens tante curam suscipere dignitatis ad quoddam 
cenobium cisterciensis ordinis situm in pago suessionico, quod 
longus pons dicitur, se transtulit rogans fratres suis deum 
efflagitare precibus ut si anime sue saluti episcopaUs expediret 
dignitas, ita fieri permitteret, sin alias, de statu ac uita ipsius 
secundum suam uoluntatem ipse dominus ordinaret. Eo igitur 
ibidem commorante et in oratione cum fratribus persistente 
ecce assunt sedis apostolice^ nuntii litteras ad ipsum deferentes, 

1 Als Petrus Cantor in Longpont den Habit nahm und starb, war 
Adam I. Abt dieses Klosters. 

2 Ms. lat., 13.780 fol. ISO«*— 130^ der National-Bibliothek (aus dem 
Kloster Corbie). Die Stelle theilte zuerst M a b i 1 1 o n mit in Acta Sanctorum 
ord. s. Benedicti saec. IV. p. 1. p. 547 (Venedig 1740) und findet sich in: 
Eecueil de historiens, 1. 18, p. 800'* als Nachtrag; nur steht hier statt Flissi- 
tura, Flissicuria. Der letzte ungenaue und unvollständige Abdruck findet 
sich bei Poquet, Monographie de PAbbaye de Longpont etc. Paris 1869- 
Poquet glaubte die Notiz jener Handschrift zum erstenmale veröffentlicht 
zu haben. Die im Texte hervorgehobenen Worte fehlen bei Poquet. 

8 Papst Cölest. ni. 



33 

in quibus continebatur, ut postpositis omnibos negotiis pere- 
grinationem Jherosolimitanain in regno francie predicaret. 
Receptis itaque litteris cum se reuerendus uir ad obe- 
diendum sedis apostolice mandatis prepararet, 
gräui cepit corporis egritudine molestari^ qui cum sui resolu- 
tionem corporis instare cognosceret, ne sancte crucis negotium 
remaneret imperfectum, uocauit quemdam discipulum nomine 
falconem,^ etate quidem iuuenem, sciencia uero et moribus 
insignem nee tamen in sciencia magistro suo oomparabilem 
et ipsi licet totis uiribus renitenti licet se tanto succedere ma- 
gistro maxime in tanti operis executione indignum esse uooi- 
feranti officium predicationis iniunxit. Quo facto uir reuerendus 
uiam universe carnis est ingressus et ibidem honorifice ab 
eiusdem loci fratribus est sepultus. Post mortem igitur magistri 
petri discipulus ipsius mgr. faloo ei in officio" predicationis 
sancte crucis succedens, cum se ad tanti operis executiouem 
minus sufficientem reputaret, deo, cui niHil est impossibile, 
totum committens negotium, deo cepit deuotus existere, mi- 
sericordie operibus insudare, ieiunüs, orationibus ac uigiliis 
uacare et ex mutatione dextere excelsi subito tantum in uirum 
alterum est immutatus, ut fama sanctitatis eins in toto fran- 
corum regno diuulgata, suppresso nomine proprio, fiilco enim 
dictus erat, sanctus homo ab omni populo uocaretur. 

Dieser Bericht stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts und beruht auf einer Mittheilung aus dem Ende des 
12. oder Anfange des 13. Jahrhunderts, nach welcher der ge- 
nannte Fulco einen Kreuzzug in Frankreich mit großem Er- 
folge predigte. Hiebei kam er auch nach Corbie, wo er ein 
nach der Tradition von Karl dem Großen dem Erlöster ge- 
schenktes wertvolles Reliquienkästchen, das beständig ver- 
schlossen war, öffnete. 

Die Wahrheit des Berichtes wird von einem hochbetagten 
Bruder des Klosters, Gerardus, der als Knabe Fulco in Oorbie 
selbst gesehen hatte, bezeugt. 

Aus einer Vergleichung beider Berichte ergibt sich mit 
Sicherheit, dass Petrus Cantor zur Zeit, als er zu einer neuen 

1 Seelsorger oder Pfarrer von Neully sur Marne bei Paris. 

2 Poquet: in o£&cium. 

Gut jähr, Petrus Oantor Parisiensis. 8 



84 

kirchlichen Würde erhoben werden sollte, im Cistercienser- 
Eloster Longpont^ sich aufhielt, daselbst schwer erkrankte 
und starb. 

Übrigens hindert nichts, beide Berichte auch in den übrigen 
Einzelheiten als zuverlässig und sich gegenseitig ergänzend 
anzunehmen. Doch mag Balphs Darstellung als die älteste den 
Vorzug vor der Erzählung des Johannes verdienen. Inst>eson- 
ders wird auch Balphs Nachricht, Petrus Cantor habe den 
Habit des Cistercienserordens, den er nach vielen Stellen in 
seinen Werken überaus schätzte, angenommen, als Thatsache 
angenommen, so dass er als Cistercienser galt und verehrt 
wurde.* Wenn Ralph von der Berufimg Fulcos und der Über- 
tragung der Kreuzpredigt an denselben nichts erwähnt, so 
wusste er entweder von diesem umstände nichts, oder er 
wollte den gefeierten Cantor mit Fulco nicht in Zusammen- 
hang bringen, weil dieser, anfänglich als Heiliger bewundert, 
später vielfach der Habsucht beschuldigt und gelästert i^urde. 

Jakob vonVitry (nachmaliger Bischof von Acco in 
Palästina und Cardinal, gest. 1240 in Bom) berichtet über 
die letzten Augenblicke des Petrus Cantor noch Folgendes;^ 



1 Longpont (Longus pons), nach der heutigen Eintheilung Frank- 
reichs ein Dorf im Departement d'Aisne, Arrondissement Soisson, Canton 
yillerfl-Cotteret, an der Eisenbahn von Paris nach Laon, zahlt 306 Ein- 
wohner. Einiges vom alten Klostergebäude ist noch erhalten und in ein 
Schloss des Grafen Montesquieu umgestaltet, dem auch die Kirchen- 
ruine und ein groBer Theil der ehemaligen Besitzungen des Klosters 
gehören ; aus dem 18. Jahrhundert ist auch ein befestigtes Thor erhalten. 
Longpont wurde (nach Janauschek, Originum Cisterciensium, 1. 1, p. 22, 
Vindobona 1877) 1182 vom Bischof Joslen von Soissons und 
Gerard von Chiersy gegründet. 28. April 1798 wurde es in der 
französischen Bevolution aufgehoben und um 86.762 Livres verkauft. 
(Vgl. A. Muldrac, Subprior des Klosters, Compendiosum Abbatiae Longi- 
pontis Chronicon, Paris 1652. — Aus neuerer Zeit die oben angeführte 
Monographie Poquets; Chronique de Pabbaye Longpont von Montes- 
quieu; Comeaux, Longpont et ses ruines. Soisson. — Von diesem Long- 
pont ist ein anderes zu unterscheiden, Dorf im Departement de Seine 
et Oise, Arrondissement de Corbeil, Priorat des Cistercienserordens. 

2 Vgl. Visch, Chalemot u. a. 

8 Sermones, Handschrift der National -Bibliothek 15.972, fol. 88^ 
2042, fol. 198^ 8288, fol. 200. 



35 

IDominus cantor in extrem o articulo vitae suae dixit: da mihi 
semper esse in purgatorio usque ad diem iudicii, dummodo 
salvus ero et vos fratres hoc orate pro me. 

Sein gottseKger Tod wird auf den 22. September 1197 
cmgesetzt; er ward in Longpont begraben. 

Petrus Cantors Tod und Begräbnis in Longpont ist auch 
in verschiedenen Nekrologien, in Handschriften seiner Werke, 
sowie durch die Berichte alter Geschichtsschreiber über jeden 
Zweifel sicher gestellt. 

So berichtet z. B. das Nekrologium der Domkirche zu 
Tournay: X. Kai. Octobris obiit egregius doctor Petrus Oantor 
Pansiensis, qui in episcopum ecclesiae huius aliquando electus 
vocationem humiliter declinavit et postquam auditoribus suae 
scientiae et morum norma non modico tempore exstitit, assum- 
pto Gisterciensi habitu in monasterio Longi Pontis sanctitatem 
vitae beato fine complevit;^ und die alte Grabinschrift 
in Longpont lautete nach dem Berichte von Martene und 
Durand : 

. Hoc iacet in loculo Petrus venerabilis ille, 
Egregius Cantor, Parisiense decus.^ 

Schließlich soll nicht unbemerkt bleiben, dass Petrus 
Cantor nur Diacon, nie Priester, war; dies geht hervor aus 
dem oben citierten Briefe des Erzbischofs Wilhelm, worin er 
ihn zur Annahme der Würde des Decans in Bheims aufinuntert. 
Hiezu war der Grad des Priesterthums nöthig. Deshalb sagt 
Wilhelm am Schlüsse seines Schreibens: . . quandocunque vobis 



1 Vgl. Joh. Cognat. Hist. Tomac, 1. IV, o. 1. 

> Vgl. Voyage litt^raire de deux reügieux Benedictins de la con- 
gregation de Saint-Maur. Part. 2, p. 9. Paris 1717—1724. — Daselbst ge- 
schieht auch einer neueren Grabinschrifb (mit irriger Angabe des Todes- 
jahres) Erwähnung, die folgenden Wortlaut hatte : „D. 0. M. Hie iaoet 
Petrus Cantor Parisiensis celeberrimus, qui in episcopum Tomacensum 
electus vocationem humiliter declinavit et suis auditoribus scientiae ac 
norma morum existens assumpto in hoc monasterio Cisterciensi habitu 
vitam beato fine complevit XIV. Calendas Junü an. 1180. (VgL Nekro- 
logium von Tournay.) — Des Todes des Cantor erwähnt auch das 
Nekrologium von Notre Dame in Paris (vgl. Gu6rard Cart. t. IV, Neorol. 
p. 169, auch Gallia Christ. 1715, VH, col. 78) und jenes von St. Victor zu 
Paris (Handschrift 14.678, Natlonal-BibUothek, fol. 287). 

8» 



86 

placnerit et ecclesiae nostrae titulum et snscipere dignitatis 
officium per nos vel per venerabilem fratrem et consanguineum 
nostrum reverendum Parisiensem episoopum ad sacerdotium 
promoveri gratum nobis erit. Ferner bezeugt dies das eben 
erwähnte Nekrologium von Notre Dame in Paris, das zu VII. 
Kai. Octobris bemerkt: Obiit Petrus praeoentor et diaconus, 
qui dedit nobis quadraginta libras ad emendos reditus. 

Sowohl über den Ort des Todes des Petrus Cantor, als auch 
über die Zeit seines Eintrittes in den Oistercienserorden und 
das Jahr seines Ablebens sind hie und da irrige Ansichten 
geäußert worden, die wir nicht übergehen wollen. 

Cäsarius von Heisterbach ^ berichtet hierüber Folgendes: 
Mgr. Petrus Cantor Parisiensis verbo, vita et exemplo plures 
aedificaverat. Hie inPontenella* domo ordinis nostri factus 
est novitius et infra annum probationis defunctus est et in 
capitulo sepultus. Cumque postea necessitate aedificiorum 
corpus eins esset transferendmn, aperto sepulchro tarn magnus 
et tam suavissimus ex illo odor efferbuit, ut nares omnium 
illius fragantia reficerentur. Odor ille signum erat eximiae 
eins doctrinae, cuius mercedem receperat in coelo. 

Wahrscheinlich aus Cäsarius stammt die Notiz in Chrys. 
Henriquez' Menologium Cisterc.^ zum 19, Mai: In Gallia 
beatus Petrus Cantor, monachus in Fontanella; aus dem 
Menologium scheint die Notiz im Martyrologium Galli- 
canum* zu stammen: in Fontanellae coenobio perfectae 
humilitatis , . . defunctus est. 

Wahrscheinlich wurde Longpont auch Pontinella oder 
Pontenella genannt, woraus sich Fontenella, der Name eines 
Benedictinerklosters in Frankreich, bildete.^ 

Die Zeit seines Eintrittes in den Orden wird von Muldrac* 



^ Dial. mir. ed. J. Strange, dist. XII, c. 48, Coloniae 1861. 

^ Fünf codd. haben Fortenella, andere Fontenella. 

3 Antwerpen 1630, p. 166. 

* Studio et labore Andreae du Saussay, Paris 1637. 

^ Nach Janauschek, Originum Cisterciensium, I, 8, wäre vielleicht 
Fontenella identisch mit der Cistercienser -Abtei Fontenay, Diöcese Dijon 
(nach JafiPiS, Heg. I, Diöcese Autun). 

« L. c. 



87 

auf das Jahr 1190 angesetzt. Wahrscheinlich ließ er sich hiebei 
von der Ansicht leiten, Petrus Cantor habe, nachdem seine 
Wahl zum Bischöfe von Toumay keinen Erfolg hatte, sofort 
die klösterliche Einsamkeit in Longpont aufgesucht. 

Ebenso nahmen Vis ch und Pöcheur^ an, dass Petrus 
Cantor sieben Jahre in Longpont als Oistercienser gelebt habe. 
Doch schon die zahlreichen Beurkundungen des Cantor im 
Cartularium von Notre Dame, sowie in anderen Urkunden in der 
Zeit von 1190 — 1197 widerlegen diese Ansiehst gründlichst. 

Aach nach Balph von Coggeshall und Johannes de Flissi- 
tura^ trat Petrus sozusagen erst am Sterbebette in den Orden 
und starb im Kleide dieses Ordens; nach Cäsarius^ starb er 
infra annum probationis. 

Immerhin mochte er einige Zeit in Longpont geweüt 
haben und dann erst in jene Krankheit gefallen sein, die 
ihm den Tod brachte. Dies geht auch aus einem Briefe des 
damaligen Abtes von Longpont, Adam, an den Bischof Odo 
von Paris hervor. Die bezügliche Stelle, die auch über die 
Bedeutung des Cantor, sowie über seine Stellung gegenüber 
dem Bischöfe von Paris einigen Aufschluss gibt, lautet:* 
Venit tempus, ut si quae est gloriae tuae magis splendor 
elucescat, dum de firmamento ecclesiae ille lucifer occidit, qui 
vitae suae radiis et doctrinae splendoribus tum 
toties hemisphaerium illustravit; te arbitror in- 
telligere, sapienti enim loquor, quia de piae memoriae 
cantore Parisiensi id dixerim, et utinam de tanti 
viri morte doleas, qui secundum quorund.am opinionem mi- 
nime de eins dolebas absentia, cui tamen rei fidem 
non potui adhibere. 

Die Zeit des Todes des Petrus Cantor wurde von einigen 
auf das Jahr 1180 angesetzt.^ Sie stützen sich hiebei auf das 



1 L. c. 

2 Sieh oben. 
8L. c. 

* Migne CCXI, 598 ; Hist. litt. XVI, 445 und Amplissima Collectio von 
Martine \md Durand, I, 1014. 

^ Vgl. Histoire de la ville de Paris par Mich. F61ibien Qt Dom Lo- 
bineau, 1 Vol., p. 219, Paris 1725. Annus Cisterciensis oder Kurtze Lebens- 



88 

bereits erwähnte jüngere Epitaphium in der Kirche zu Liong- 
pont: Hio iacet Petras Gantor . . . finem complevit XIV. KaL 
Jonii anno 1180 corpusque eins emortaum mirificmn ac sua- 
vissimom odorem exhalavit.^ 

Aber das Jahr 1180 als Todesjahr ist durchaus falscli, um 
diese Zeit erhielt Petrus etwa erst die Würde eines Cantor 
in Paris ; das Monatsdatum aber (XIV. KaL Junii) bezieht sich 
wahrscheinlich auf die erste Erhebung aus dem Grabe und 
die Beisetzung des Leibes an einem anderen Orte, welche 
schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschelien 
sein muss, da sie bei Cäsarius von Heisterbach ^ bereits er- 
wBtnt wird. Wohl mit Rücksicht hierauf wird sein Andenken 
in manchen Martyrologien, in welchen er als „beatus" oder 
„piae memoriae^ angefahrt ist, am 19. Mai gefeiert.^ 

8. Das Orab und die Überreste des Petrus Cantor. 

Das Gf^rab des Petrus Cantor in Longpont befand sich ur- 
sprünglich im Oapitel, d. i. am Orte, wo die Capitelversamm- 
lungen abgehalten wurden.* Noch in der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts wurde sein Leib vom ursprünglichen Grabe 
erhoben, da man am Gebäude Bauveränderungen vornahm, 
und an einen anderen Platz übertragen, wobei dem Grabe 
ein überaus lieblicher Wohlgeruch entströmte. Wie schon be- 
merkt, geschah diese Erhebung und Übertragung wahrschein- 
lich am 19. Mai (XIV. Kai. Junii) eines unbekannten Jahres. 



Verfassung der Heiligen und Seeligen, auch berohmbter Männer deß 
heil. Oisterc. Ordens durch Nivard Heinricius (Eberbach), Colin 1686, hat 
zum 19. Mai (S. 159) : In Yalesia Depositio (Beysetzung) gottseelig zu Arraß 
1180 verstorben, am Kircheneingang begraben. — Auch die Gallia chri- 
süana, YII, 79, erwähnt des Todesdatums 1180, bezeichnet es aber als 
irrig. — Zu spät setzt Trithemius (De Script, eccl.) den Petrus Cantor 
an, wenn er schreibt : Claruit temporibus Henrici YI. anno domini 1200. 
Vgl. auch J. Morin, de poenit., p. 869. 

1 Vgl. Thesaurus epitaphiorum veterum ac recentium selectorum, 
opera ac studio P. Philipp Labb6. P. BB4, Paris MDCLXVl. 

3 Sieh oben Seite 86. 

3 Auch Bollandisten, Acta S. S. Mai, t. IV, 295. 

* Vgl. Caesarius von Heisterbach, a. a. 0., Poquet, p. 123. 



39 

Mehrere Jahrhunderte lang blieben die Überreste des 
fcerühmten Petrus Cantor an ihrer zuletzt angewiesenen Stelle. 
^Allmählich bildete sich ein Cultus desselben, er erhielt den 
IBeinamen: Pius, Venerabilis, Beatus, und namentlich inner- 
halb des Cistercienserordens lebte die Verehrung immer fort. 

In Longpont war auch der ehemalige Ritter Jean de 
Montmirail (Johannes de Montemirabili), der zuvor in Kriegs- 
thaten sich ausgezeichnet und dem Könige Philipp August 
in der Schlacht bei Bovines (1214) das Leben gerettet hatte, 
als einfacher Mönch eingetreten. Nach einem äußerst freien 
Lieben verließ er daselbst diese Welt und wurde bald nach 
dem Tode (27. September 1217) allgemein, besonders auch 
vom Volke der ganzen Umgebung eifrigst verehrt, während 
der Cultus des Petrus Cantor mehr auf den Orden beschränkt 
büeb.i 

Im Jahre 1657 baten die Mönche von Longpont den da- 
maligen Bischof von Soissons, Charles Bourlon, in dessen 
Diöcese Longpont lag, er möge die Leiber des Jean de Mont- 
mirail und des Pierre le Chantre (Petrus Cantor) feierlich er- 
heben. Der Bifiichof willfahrte dieser Bitte, kam am 14. Juni 
jenes Jahres selbst nach Longpont, und am darauffolgenden 
Tage, 15. Juni, wurden die Gräber der Genannten in Gegen- 
wart des Bischofs, des Grand -Vicars Claude Diencourt, der 
Äbte von Barri, Valsery und Colombe, des bischöfl. Kaplans 
Pierre Duflot und des Doctors der Medicin zu Epinal, Pran9oi8 
Denis, geöffiiet. Das Grab des Petrus Cantor befand sich damals 
beim Ausgang aus der Kirche in das Kloster, auf der linken 
Seite, unterhalb der Stufen, die in die Kirche führen (ad exitum 
ecclesiae in gradibus sepultus erat); es war sechs Fuß lang, 
zwei Fuß breit und hoch und war mit einem großen Steine 
bedeckt. Die zahlreichen Überreste des Verstorbenen wurden 
gesammelt und in einem hölzernen Behältnisse in der Kirche 
selbst beigesetzt.^ 



^ VgL EEistoire de Jean Montmirail par P^re Machaut S. J., 
Paris 1641. 

' VgL den noch im Original und in Abschrift im Pfarrarchive zu 
Longpont-Corcy vorliegenden Proc6s verbal en 1,657. 



40 

Nach der Aufhebung des Klosters zur Zeit der franzö- 
sisohen Revolution fiel die herrliche Kirche der Verödung an- 
heim ; nur eine noch immer imposante Ruine erinnert an ihre 
einstige Größe. Von den Überresten des Petrus Cantor ist jede 
Spur verschwunden. 

9. Das Ansehen des Petrus Cantor, besondere 

Charakterzüge. 

Petrus Gantor erlangte bei seinen Zeitgenossen und bei 
der Nachwelt das größte Ansehen und dies nicht minder als 
Theologe und Lehrer als auch als heiligmäßiger Charakter 
in tiefer, inniger Frömmigkeit und felsenfestem Glauben. 

Es mögen vorerst einige Urtheile aus verschiedenen Zeiten 
dieses sein Ansehen bestätigen. 

Vielsagend ist das bereits angeführte Zeugnis seines Zeit- 
genossen, des Abtes Stephan von St. Genovefa in Paris im 
Empfehlungsschreiben an Erzbischof Wilhelm von Rheims: 
Origeni parem in aliquo, sie cum docere credimus ut vivere, 
sie vivere ut docere.^ 

Das älteste Chronicon, welches über Petrus Cantor noch zu 
dessen Lebzeiten berichtet, das Chronicon des Nicolaus (der 
als Canonicus von Amiens 1169 erscheint) sagt über ihn zum 
Jahre 1186:^ Lucio defuncto successit Urbanus Eomanae eccle- 
siae CLXX. Plorent in GaUiis scientia Petrus Cantor, Petrus 
cancellarius, Petrus Corbol., Stephan, abbas St. Genovefae. 

In den höchsten Lobeserhebungen über Petrus Cantor 
ergeht sich insbesonders der schon genannte Jakob von 
Vitry, der ohne Zweifel dessen Schüler in Paris gewesen 
war. Seine höchst bezeichnenden Worte lauten:^ Velut lilium 
inter spinas et rosa inter Urticas, quasi angelus Pergami ubi 
sedes est satanae, quasi thus redolens in diebus aestatis, quasi 
vas auri solidum omatum omni lapide pretioso, quasi oliva 

1 Sieh oben Seite 24. 

^ Vgl. Martine, CoUectio amplissima, 11, 744, aus diesen in Rer. 
Gall. Script., XVm, 701^. 

8 Historia occident. c. 8. Vgl. Oudin, Comment. de Script. eccL, II, 1661 
(Migne, P. L, CCV, 11). 



41 

pullulans et cypressus in altitudinem se extollens, quasi coo- 
le sids tuba et domini citharista, erat tunc temporis magister 
Petrus, venerabilis cantor Parisiensis, vir potens opere et ser- 
mone, aurum suum et argentum similiter conflans et verbis 
suis Stateram faciens, morum honestate pondus et gravitatem 
conferens suae doctrinae. Ooepit enim facere et docere velut 
lucema ardens et lucens et civitas supra montem posita et 
candelabrum aureum in domo domini, de cuius fönte limpi- 
dissimo beatissimus vir Fulco perpotabat. 

Robert de Cour9on, der in seiner noch ungedruckten 
Sununa (consiliarum Petri Cantoris genannt) neunmal den 
Petrus Cantor ausdrücklicli als seinen Lehrer bezeichnet,^ 
sa^ von ihm:^ cuius presentia utilis esset in omni ecclesia, 
si fieri posset, und er nennt ihn:^ immortalis recordationis 
magister noster. 

Höchst ehrenvoll spricht über Petrus Cantor auch Gi- 
raldus Cambrensis (auch Giraldus de Barry genannt, 
1199 zum Bischof von Menevia [St. David] in England er- 
wählt):^ nunc ea quae Clarevallensis abbas Bemardus et 
Parisiensis praecentor Petrus, quorum uterque fuit in sacris 
scripturis affatim eruditus . . . posterior vero non solum theo- 
logus egregius, sed tamquam moralis quoque phüosophus et 
morum assertione conspicuus. 

In lebendster Weise gedenkt seiner femer das oben citierte 
Chronicon Anglicanum von Ralph zum Jahre 1197:^ 
Hoc anno obiit mgr. Petrus Remensis, cantor Parisiensis 
ecclesiae, vir vitae venerabilis, morum probitate conspicuus, 
doctrina, verbo et actione clarus, qui in theologia his tem- 
poribus praecipuus inter doctores habebatur et 
summus. 

Nicht minder lobend erwähnt ihn das Chronicon des 



1 Vgl. Handschrift 3258 der National-Bibliothek fol. 105, 118 ^ 131', 
173, 206^, 210% 212' und 213'. 

» Fol. 104. 

8 PoL 206'. 

* Speculum eccl. dist. IE, c. 17. Vgl. G. C. opera ed J. S. Brewer, 
London 1873, Vol. IV, p. 62 in Rer. Brit. medü aevi scriptores. 1861—1877. 

6 P. 79. 



42 

Albericus von Trois-Fontaines zum Jahre 1197:* Cantor 
Parisiensis magister Petrus doctor theologus in reKgione et 
honestis moribus famosus et clarus apud abbatiam Longi- 
pontis obiit. 

Ein altes lobendes Zeugnis über Petrus Oantor enthält 
auch das Chronicon Marchianense (Diöcese Arras):^ 
Petrus Cantor Parisiensis, eximius doctor, qui soripsit verbum 
abbreviatmn, in magna devotione et confessione sanota migrat 
a corpore in monasterio, quod dicitur Longus Pons non longe 
a Suessione. 

Bühmend erwähnt seiner das Chronicon Autisio- 
dorense (ie. monasterii Praemonst. S. Mari^ni apud Autisio- 
dorum)^ zum Jahre 1197: Tunc Petrus Cantor Parisiensis vita et 
scientia clarus apud coenobium, quod Longus Pons dicitur, obiit. 
Die Lobsprüche dieses Chronicons wiederholt wörtlich das Chr o- 
nicon Turonense*und das Chronicon Q-uilelmi Nangii (de 
Nangiaco), Benedictiners von St. Denys (gest. nach 1300).^ 

Das Chronicon eines unbekannten Canonicus von Laon 
schreibt über das Verhältnis des Petrus Cantor zum berühmten 
Kreuzzugsprediger Fulco.^ Das Urtheil des Cäsarius von 
Heisterbach über seinen heiligmäßigen Tod wurde bereits 
oben angefahrt. Thomas von Camtimprö^ (Canonicus 
reg., später Dominicaner, gest. 1270) nennt Petrus Cantor 
beatus et magnus vir. 

Vincenz von Beauvais 0. Pr. (gest. um 1264) gedenkt 
seiner mit folgenden Worten:* Eodem anno (1197) Petrus 



1 Vgl. Pertz, Monum. Germ. hist. Script., XXTTT, p. 874. Auch Script, 
rerum Gall., XVIII, 760. 

2 In Paralipomenis Synopseos Franco - Merovingiae , anno 1194, 
foL 987. 

8 Verfasst von Robert Abolant, Canonicus derselben Abtei, heraus- 
gegeben von Nie. Camuzat 1608. Vgl. auch Script, rer. Gall., XVIir, 262 *>. 

^ Auetore anonyme s. Martini Turon. canonico. (Script, rer. Gall., 
XVni, 294, Martine, Ampi. Coli. V.) 

ß Vgl. D'Achery, Spicüegium, XI, 178 und XII; Bouquet Becueil 
XX, 645 squ., 725 squ. 

« Script, rer. Gall. XVin, 711^ 

■^ Apum. lib. n, c. 1, n. 9. 

^ Speculum historiale 1. XXIX, c. 59. 



48 

Oantor Parisiensis tarn vita quam doctrina conspicuus obiit, 
amator pietatis atque iusütiae, apud coenobium longi pontis 
in magna devotione sanctaque confessione migravit a corpore.^ 

Der heil. Antonin 0. Pr., Erzbisohof von Florenz (gest. 
1469), wiederholt die Lobesworte seines Ordensgenossen Vincenz 
von Beauvais.^ 

Joh. Trithemius, Abt von Sponheim (gest. 1516) feiert 
wiederholt den Petrus Oantor mit begeisterten "Worten: Petrus 
Oantor, vir in divinis scripturis eruditissimus et in saeculari 
philosophia nobiliter doctus, theologicae scholae Parisiis multis 
annis gloriose praeftiit et discipulos egregios erudivit.^ Petrus 
Oantor, Ecolesiae Parisiensis in GaUia vir in divinis scripturis 
eruditissimus et in saeculari philosophia non infime doctus, 
qui scholae theologorum apud Parisios gloriose docendo multis 
annis praefuit et bonae conversationis exemplum non minus 
opere quam sermone cunctis demonstravit.* 

Mit beredten Worten beschreibt Gull. Eisengrein die 
herrlichen Eigenschaften des Petrus Oantor:^ Petras Oantor 
Parisiensis, vir dissertissimus, non minus vita quam eloquentia 
clarus, veterum lectione dives, ingenio subtilis, theologus pro- 
fundus, orator eloquens. 

Einstimmig sind auch die Lobsprüche der späteren Autoren 
vom 17. Jahrhundert ab bis auf unsere Tage, die des Petrus 
Oantor irgendwie erwähnen. Sie seien in chronologischer Ab- 
folge angeführt. 

Ohrys. Henri quez® zum 19. Mai: Petrus Oantor, vir- 
tutibus et miraculis celeberrimus. Martyrologium Galli- 
canum:'' Obiit eodem die religiöse exitu Petrus Oantor 
Parisiensis, qui verbo, vita et exempHs praestans recusato 
episcopatu, quo dignissimus erat, in Fontanellae coenobio 



1 Die letzteren Worte stehen bereits im Chronicon Marchianense. 

2 Chronicon, p. II, t. 17, c. 9. Ed. Petr. Ballerini, Lugd. 1586. 
8 De Script. eccL, CoL 1546, p. 175 squ. 

* Chronicon Hirsaugiense oder 1. 1, Annalium H. S. Gall., MDCXC, 
501. 

& Catalogus testium veritatis etc., fol. 107*». Dilingae 1565. 

6 Menologium Ord. Cist., Antwerpen 1680. 

■^ Studio et labore Andreae du Saussay. Lut Par. 1637. I. Bd., p. 292. 



44 

perfectae humilitatis , obedientiae, castitatis et paupertatis 
factus candidatas, . . adepta iam perfectionis corona defiinctiis 
est. E cuius aperto diu post transitum sepulchro odor fragran- 
tissimus emanavit, purissimae vitae et integritatis indicans 
Deo gratissimam suavitatem. Oarol. Visch:^ Petrus Cantor, 
suo tempore scholae theologicae reotor, per Gallias celeber- 
rimae opinionis. Du Boulay:* mag. Petrus Cantor, vir in 
academia Parisiensi tarn multarum palmarum. Das Martyro- 
logium Cisterciense^ zum 19. Mai: In Longoponte Sues- 
sionensi B. Petri Monachi, qui ex nobili cantore et magistro 
Parisiensi electus ad sedem Atrebatensem (unrichtig) maluit 
ibi latere sub modio quam super candelabrum ecclesiae poni. 
Das Cistercium bis tertium* enthält im panegyrischen Stile 
der Zeit folgende Lobrede : B. Petrus cognomento Cantor, sie 
dictus ab officio, quo in collegio Canonicorum Parisiensium non 
parvo tempore fcinctus est; splendorem namque . . . per omnem 
Galliam rerum agendarum dexteritate seu amplitudine vere 
Magnus sibi comparavit, ab eximia eruditionis ac religionis 
fama, qua per omnium ora cum ingenti applausu praedicabatur, 
scientiarum omnium facile princeps. Quae etiam 
ingenii felicitas eum ad clarissimos in Universitate (!) Pari- 
siensi honores evexit, ut fuerit scholae theologicae institutus 
rector ; sociavit scientiis iustitiam ie. stellis suum solem. Sum- 
morum pontificum ac praecipue Ooelestini unus prope 
per universas Gallias ad componendas lites expediendaque 
ardua inprimis negotia delegatus, nullo unquam munere, 
nulla prece aut respectu a norma recti flecti 
potuit, tam aequus in causarum decisione quam prudens in 
earundem disquisitione. Minus aliquid Petro dicerem, si exi- 
miis eiusdem encomiis ex Jacobe Cardin, de Vitriaco authore 
gravissimo huc transsumptis et Petrum ipsum et pagiuam hanc 
non exomarem. Appellat itaque Eminentissimus Scriptor Petrum 



1 Bibliotheca scriptorum s. ord. Cist, ed. 11. Col. Ag. 1656, p. 262. 
Vgl. Annales Cister. autore Augusto Manrique. Lugd. 1642— -1659, vol. 3, 
ad a. 1197, c. 2. 

2 Hist. Univ. Par., Par. 1666—1673, vol. 2, p. 486. 

3 Seu Martyr. s. ord. Cist., Paris 1689. 
* L. c. p. 160 und 161. 



46 

nostrum Tubam coelestem, altissimam Cypressum, Lucemam 
ardentem et lucentem, Civitatem supra montein positam, Can- 
delabrum in domo domini, quo omne illud saeculum, in quo 
vir magnus vixit et floruit, eximie illustratum est. Nil amplius 
his laudibus addendum, nisi quod sibi singulari änimi demis- 
sione detraxit Petrus iste. Debebantur seil, his grandibus elogiis 
infiilati honores, quos etiam Tomacensis Clerus, Populus immo 
Rex ipse viro magno obtulere ; at Petrus decantatissimum un- 
dique cantoris nomen cum episcopali dignitate mutare noluit, 
seipso iam maior, dum sie crescere nollet. Cumque importunius 
instarent Eex et Oives, fecit Petrus Cantor, quod solent musici 
frequenter, adomavit fugam, qua se e saeculo subduxit, factus 
in Longo Ponte Monaohus Cisterciensis. (Unrichtig.) Quia tamen 
ex ipsa fuga extingui non poterant Tomacensium immo iam nova 
et aliorum desideria, quae interim haerebant suspensa, quousque 
Petrus absolvisset annum vitae religiosae tyrocinium, vir humil- 
limus, ne deinceps, dum iam non suo sed aliorum esset re- 
gendus arbitrio, una obedientia praevaleret humilitati, impor- 
tunis votis a deo extorsit, ut adhuc in ipso probationis anno 
una mors praescinderet omnia, subterfugit infulam, qua sibi 
cantare potuit Hlustrissimus Cantor, ad multos annos, per 
multos annos, at vero acquisivit apud coelites humilitatis 
laureolam, cantatarus canticum per annos aetemos. 

Ger. Dubois:^ Petrus Cantor, omnium fere scriptorum 
illius aetatis litteris commendatos . . . factus supra aetatem 
doctus eas in academia Parisiensi summa cum laude palam 
professus est, sed quod maximum eins omamentum fiiit, anti- 
quorum morum vindex fuifc et severioris disciplinae'rigidus 
exactor; cum his praefulgeret virtutibus, facile Parisiensis 
ecclesiae praeoentoris, quod honorificentissimum in ea ecclesia 
est, munus consecutus est. Jacobi de Vitr. maxime meruit 
elogium. 

Crevier^ spricht über die Methode des Petrus Cantor, 
die Theologie zu behandeln und sagt, im Gegensatze zu an- 



1 Historia eccl. Paris. T. II (opus posthumum), Paris 1710, ed. curis 
Barth, le la Bipe et P. N. des Molets, p. 144 squ. Vgl. auch Gall. christ. 
VII, 78. 

2 Histoire de l'universite de Paris, vol. I, 210—214. Paris 1761. 



46 

deren Theologen seiner Zeit sei er ein großer Q-egner schola- 
stischer Spitzfindigkeiten und Streitigkeiten gewesen. Pierre 
le Ohantre etait antant homme de bien que Theologien savant 
etjudicieax. Busse^ nennt ihn einen ausgezeichneten Lehrer 
der Theologie an der Hochschule (!) von Paris. Poquet* 
schildert ihn in echt französischer Weise: Devenu Chantre 
de la Grande Eglise de Paris c'est-a-dire de Notre Dame, a 
la suite de ses brillantes le9ons, le bruit de sa reputation 
alla toujours croissant et se repandit au loin. 

Der hervorstechendste Zug im Charakter des Petrus 
Cantor ist seine strenge Q-erechtigkeitslieb e, wovon 
sich auch in seinen Schriften viele Beweise finden. Besonders 
bezeichnend aber ist die Erzählung bei Cäsarius von Heister- 
bach^ über die Handlungsweise des Petrus Cantor gegenüber 
dem großen Wucherer Theobald in Paris. Dieser hatte sich 
durch Wucher ein großes Vermögen gemacht. Von der gött- 
Hchen Gnade ergriffen, gieng er in sich und beschlbss, Buße 
zu thun. Er begab sich also zum damaligen Bischöfe von 
Paris, Mauritius, der ihm rieth, sein Geld zum Baue der neuen 
Domkirche, den Mauritius sehr eifrig betrieb, zu widmen. Da 
dieser Eath dem Wucherer nicht vollends zusagte, gieng er 
zu Petrus Cantor, um dessen Ansicht zu hören, und theilte 
ihm den Eath des Bischofs mit. Petrus Cantor erwiderte: 
Diesmal gab er dir keinen guten Eath; gehe vielmehr hin 
und lass' durch die Straßen der Stadt ausrufen, du seiest 
bereit, allen, von denen du wucherische Zinsen genommen, 
sie zurückzuerstatten. Der Wucherer befolgte den Eath, kam 
darauf zu Petrus Cantor zurück und sagte : Allen, die zu mir 
kamen, habe ich gewissenhaft das mit Unrecht Genommene 
zurückerstattet ; noch immer aber bleibt mir ein großer Besitz. 
Petrus antwortete: Jetzt kannst du mit gutem Gewissen von 
deinem Vermögen Almosen geben. 

Cäsarius beruft sich für diese seine Erzählung auf die 
Mittheilung des Abtes Daniel des Cistercienserklosters 
Schönau (bei Heidelberg), der wohl damals in Paris studierte, 

1 Grundriss der christlichen Literatur, IL Theil (1829), S. 161, n. 12B6. 

2 Monogr. de l'abbaye Longpont, p. 98—108, § 1. 
8 L. c. II, 34 (vgl. Migne, P. 1., CCV, 15). 



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47 

Theobald sei auf den Rath des Petrus Cantor nackt bis auf 
den Gürtel in den Straßen der Stadt herumgegangen, und ein 
Diener habe ihn mit einer Ruthe geschlagen und ausgerufen : 
Seht, das ist jener, den wegen seines Reichthums die Fürsten 
ehrten, der die Söhne der Adeligen als Geiseln festhielt.^ 

Einen Zug von der Unparteilichkeit des Petrus 
Cantor berichtet Robert Oour9on^ Robert erwägt die 
Frage, ob jemand für sich oder seinen Sohn aus Patrimonial- 
g^tem an einer Kirche eine Präbende erlaubterweise errichten 
könne, und er erzählt: Dies sei zu Paris mit dem Subdiacon 
H.^ der FaU gewesen; das ganze Capitel habe hiezu seine 
Einwilligung gegeben mit Ausnahme des Petrus Cantor. 

Von der Offenheit und Freimüthigkeit seines 
Charakters gibt eine Unterredung Zeugnis, die Petrus Cantor 
einst mit dem König Philipp August hatte,* der ihn oft und 
gern hörte. Es möge der Text selbst folgen. 

Dialogus illius excellentissimi regis Phiüppi et ülius boni 
Cantoris Parisiensis magistri Petri. 

Totius sanctimoniae puritate et preeminenti scientia vir 
insignis felicis recordationis Petrus cantor Parisiensis quondam 
accedens ad illum excellentissimum regem, regum terrenorum 
patrem et patronum piissimum clericorum Philippum, qui 
dictum cantorem ut sui moris (erat) libenter audire viros dis- 
cretos pariter et honestos libentissime audiebat, descripsit ei 
qualiter, qui rex erat, se ipsum et populum sibi subditum 
deberet regere, insinuans illi sancto regi desiderium suum, 
quod videlioet eum talem regem vellet existere, qualem de- 
scribebat eidem. Cui rex iUe Philippus cum blandae correp- 
tionis affectione, se in cdiquibus redargutum latenter intelligens 
benigne respondit: Domine cantor, quum regem in aHquo 

1 Diese charakteristische Erzählung wurde auch von vielen neueren 
Schriftstellern, die üher Petrus Cantor berichten, wie von F61ibien, 
Crevier, P^chenr u. a. aufgenommen. 

2 Summe fol. 54^. 

^ Wahrscheinlich Helluinus, der um diese Zeit in den Urkunden 
von Notre Dame als canonicus subdiaconus erscheint. 

^ Enthalten im Chartularium des Domcapitels zu Bourges (ad s. 
Stephanum) aus dem 13. Jahrhundert, abgedruckt in der Bibliothöque de 
P6cole des Chartes, T. II, p. 398 if. Paris 1840—1841. 



48 

tempore facietis, talem facite, qualem mihi describitis ; et nunc 
tali atimini, qualem habetis. Sed tarnen dioite mihi, quare 
antiqui episcopi, sicut s. Marcellas Parisiensis, s. Germanns 
Autisiodorensis, s. Evurtius Aurelianensis, s. Sulpioius Bituri- 
censis sancti facti sunt et de modemis fere nuUus est, qui 
sanctus existat? Cui cantor ille respondens sabtiliter, sed 
domino regi minus intelligibiliter ait: Domine rex, sapiens 
non venit ad consilium, nisi vocatus, stultus etiam non vocatus 
accedit. Quod responsum dominus rex admirans non modicum 
quasi suae interrogationi non faciens ait: Per lanoeam s. Jacobi, 
quid facit hoc ad illud, quod quaero a vobis? Et cantor: Domine 
rex, bene ostendam vobis, quod meimi responsum bene con- 
venit vestris quaesitis. Spiritus sanctus, qui est non solum 
sapiens, sed ipsa sapientia, non tantum biduanis et triduanis, 
sed quadriduanis vel etiam septimanariis jejuniis cum multa 
lacrimarum effiisione in corde contrito humiliato spiritu anti- 
quitus in electionibus vocabatur et sie cum humilitate et 
Spiritus affectione vocatus eligentium consilia et consensus in 
suae dirigebat beneplacitum voluntatis, ad tales videlicet eü- 
gendos, qui desiderabant prodesse potius, quam praeesse non 
quae sua erant, sed quae Jesu Christi quaerentes ; et ideo 
pretiosam eorum vitam mors pretiosior sequebatur. In nosfcro- 
rum autem electionibus modemorum non sapiens sed stultus 
ille stultorum stultissimus praevaricator, diabolus qui etiam 
non vocatus accederet, operas suas invitis ingerens, per prae- 
cedentes commessationes et ebrietates et secreta conventicula 
primitus celebrata, per suas convocatus familiäres pedissecas 
et ancillas, superbiam videlicet, indignationem, iracundiam, cupi- 
ditatem atque simoniam et dominandi libidinem et caeterorum 
pestes innumeras vitiorum (assistit). Unde sequitur, quod qui 
talibus mediatoribus est [electus] illius faciat opera, cujus 
consilio ad dignitatem assumptus (est) et vivat superbus, 
cupidus, elatus pariter et inflatus et talem ejus vitam non 
tantum mala mors, sed etiam pessima consequatur, post se, 
in populo suo maledictionem sibi perpetuo relinquentem. — 
Cuius modi responsum praefati Cantoris gratanter recepit et 
affectuosius approbavit ille iustus et timoratus rex Philippus 
tanquam ille cujus erat tanquam suum singulare proprieque 



49 

proprium absque deauratione hypocrisis et inanis fiico gloriae, 
in secreto armariolo cordis sui, sub illo teste cujus ooulis omnia 
nuda sunt et aperta, omne bonum diligere pariter et laudare 
et etiam opere adimplere; siout et in largiflua et quantum 
poterat occultata elemosinarum suarum erogatione ab illis, 
qui hoc considerabant attentius manifeste poterat comprehendi. 

Eine weitere edle Eigenschaft im Charakter des Gantor 
war seine Güte gegen die Armen und seine Milde, die 
sich darin zeigte, dass er wiederholt sich scharf und ent- 
schieden aussprach gegen die Anwendung der Todesstrafe 
oder überhaupt härterer Strafen, wie Verstümmlungen, bei 
Häretikern, namentlich den Katharem,* 

Entschiedene Abneigung hatte er auch gegen die 
Turniere und insbesonders gegen die Anwendung der 
Gottesurtheile, iudicia peregrina, wie er sie nennt, die er 
aufs nachdrücklichste verdammt und gegen die er bei jeder 
sich darbietenden Gelegenheit eifert.* 

Am meisten aber wendet er sich gegen die in der Kirche 
des Mittelalters vielfach herrschenden verschiedenen Formen 
der Simonie. In mehreren Schriften schildert er theils ihre 
Verabscheuungswürdigkeit, theils zeigt er die verschiedenen 
Arten und FäJle des simonistischen Gewerbes auf.® 



Anhang. 

(Ein bisher ungedrucktes Document, in welchem Petrus Cantor als 
Bichter und Siegler erscheint. National -Archiv in Paris, L. 451, n. 10). 

Ego Michael, parisiensis ecclesie decanus, et ego Petrus 
parisiensis ecclesie cantor. Notum fieri volumus presentibus 
et liituris, quod causa vertebatur inter ecclesiam sancti Ger- 
mani Autisiodorensis et Nicholaum Bucel. Utraque autem pars 
fide interposita presente episcopo Mauritio parisiensi et con- 
sentiente, et datis fidejussoribus in nos compromisit. Vertebatur 
autem questio super quadam terra quam prefatus N. censualem 
habet et tenet ab ecclesia sancti Germani in qua volebat sibi 

1 Vgl. z. B. Verb.!,abbrev., c. 16, 47, 78. 

2 Verb, abbrev., c. 78; De tropis loquendi, Handschrift 14.445 u. a. 
^ Vgl. Quaestiones de simonia; Verb, abbrev., c. 27, 87, 88. 

Gut jähr, Petras Cantor Parisiensis. 4 



60 

yendioare consaetadinem quandam hanc scilicet ut siiignli 
hospites qui haberent domoB in terra illa, cum eas venderent 
pro ezitn tantum darent eidem N. quantum ille qui emeret 
pro introitu, soilicet pro yentis daret eoclesie sancti Germani. 
Canonici autem sancti Germani dicebant quod in hac causa 
per sententiam diffinitiyam a judicibus, a sede apostolica dele- 
gatis, scilicet yenerabili episcopo Mauritio parisiensi, et Heryeo 
ejusdem eoclesie quondam decano, datam contra patrem pre- 
fati N. optinuerant Nicholaus autem econtra quod terra iQa 
non pertinebat ad patrem suum sed potius ad matrem suam, 
quia empta Aierat de pecunia maritagii matris sue. et hoc 
paratus est probare. Canonici autem respondebant quod parati 
erant probare, quod mater ejus hoc concesserat et sententie 
dato a prefatis judicibus acquieyerat. Nicholaus autem hoc 
insitiabatur. Asserebant etiam prefati canonici quod, etiam si 
per sententiam difBnitiyam non optinuissent, tamen secundum 
jus commune et consuetudinem ciyitatis parisiensis, pro eis 
esset judicandum. Cum autem in nos esset compromissum tarn 
de possessione quam de proprietate auditis allegationibus et 
testibus utriusque partis, habito etiam consilio cum clericis et 
laicis et quibusdam etiam sapientibus de palatio domiai Eegis 
prefato N. Bucel id quod vertebatur in questione, scilicet con- 
suetudinem predictam per diffinitivam sententiam adjudica- 
yimus, et eandem sententiam scripto et sigillorum nostrorum 
auctoritate confirmayimus, salvis in omnibus aliis censu et 
jure et juridictione canonicorum sancti Germani. Anno ab in- 
camatione Domini millesimö centesimo nonagesimo secundo. 



Zweiter Abschnitt. 

Literarische Thätigkeit des Petras Cantor. 



IN ebst seinen Bemühungen als Lehrer an der Bomsohule 
zu Paris, seiner vielfachen Verwendung in verschiedenen Rechts- 
angelegenheiten, sowie den Functionen im Chore der Dom- 
kirche entwickelte Petrus Cantor eine überaus fruchtbare 
schriftstellerische Thätigkeit, in der sich nicht bloB sein Geist, 
seine persönliche Anschauung, sondern auch die Theologie der 
damaligen Zeit abspiegelt. 

Die von ihm verfassten Werke verbreiten sich über fast alle 
Gegenstände der Theologie: Dogmatik, Moral, Eirchenrecht, 
Erklärung der Heiligen Schrift, Ascese ; behandeln aber diese 
Materien nicht in streng systematischer Weise, sondern nach 
der Methode der damaligen Zeit, nach welcher die einzelnen 
theologischen Disciplinen nicht voneinander geschieden waren. 

Die Erklärungen der Heiligen Schrift hießen und waren fast 
durchaus Glo s sae. Die übrigen theologischen Fächer wurden 
meist in der Form von Sententiae (Summae) und Di- 
stinctiones behandelt. Die Sentenzen (Summen) zeigen 
mehr einen systematischen Gang der Behandlung des Gegen- 
Standes, die Distinctionen ordneten die Materien nach Stich- 
worten in alphabetischer Beihenfolge, waren also eine Art 
theologischer Lexika. Außerdem fand die Casuistik der Moral 
und des Kirchenrechtes oft in der Form von Quaestiones 
ihren Ausdruck. Die Predigten und Ansprachen bei verschie- 
denen Anlässen werden unter der Bezeichnung Sermones 
zusammengefasst. Schriften, welche einzelne theologische 
Materien behandelten, erhielten von dem Inhalte oder der 
Veranlassung oder nach anderen Gesichtspunkten ihre Titel 
und Bezeichnungen. 

4* 



52 

So schrieb denn auch Petrus Cantor: Glossen, Summen, 
Distinetiones, Quaestiones und andere Schriften. 

Im folgenden seien dessen üterarische Leistungen nach 
ihrem Inhalte vorgeftthrt. 

1. Echte Scbriften des Petrus Cantor. 

A. Schriften ; welche sich auf die Erklärung der Heiligen Schrift 

beziehen. 

a) Die Schrift De tropis loquendi oder tropis 
theologicis (auch de contrarietate s.*® scripturae, oder 
tropi et phrases sacrae scripturae, auch Grammatica theolo- 
gorum genannt); sie beschäftigt sich mit der Lösung der 
scheinbaren Widersprüche der Heiligen Schrift.^ 

h) Glossen zu sämmtlichen Büchern der Heiligen Schrift, 
von denen einige verioren gegangen zu sein scheinen. 

Die meisten dieser Glossen charakterisieren sich als das, 
was der Name besagt, als kurze Sacherklärungen. Petrus 
Cantor war überhaupt ein Feind breitspuriger und weitläu- 
figer Glossen ; schon das erste Oapitel seines Werkes Verbum 
abbreviatum trägt bezeichnend genug die Aufschrift: contra 
superfluitatem et prolixitatem glossarum. 

Die Glossen des Petrus Cantor sind, soweit sie erhalten, 
von ungleichem Umfange und ungleicher Güte. Den ersten 
Platz nehmen beim Alten Testament die Glossen zu den 
Psahnen, beim Neuen Testament die zur Evangelienharmonie 
und zur Apokalypse ein. 

Ralph von CoggeshalP hebt unter allen Werken des 
Petrus Cantor überhaupt die Glossen zum Psalterium und zu 
den PauUnischen Briefen hervor und äußert sich über seine 
schriftstellerische Thätigkeit, sowie insbesonders über die von 
ihm verfassten Glossen zur Heiligen Schrift folgendermaßen: 
Hie inter plura opuscula, quae potius religiöse ac morali stylo 
digessit quam pompatico eloquio utpote verborum phaleras 
devitans, novas quasdam glossas super psalterium et super 

1 Inhalt, Bedeutung, Zeit der Abfassung soll mit der beabsichtigten 
VerÖfiPentlichung des Näheren abgehandelt werden. 

2 L. c, p. 79. 



53 

epistolas Pauli breves et dilucidas composuit, fastidiosis lecto- 
ribus atque labili memoriae necnon et paupertati scholarium 
in Omnibus consulens. In quibus glossis non a sensu vel a 
tramite praecedentium patrum in aliquo aberravit, sed ex- 
positiones multiplices atque profusas in unam seriem com- 
pendiosius propriis verbis ooarctavit. 

Wir lassen die Glossen des Petrus Oantor mit ihren 
Anfangsworten nach der Reihenfolge der einzelnen heiligen 
Schriften, aus verschiedenen Handschriften folgein. 

Altes Testament. 

Genesis: Principium verborum primum aetemitatis 
operum. 

Exodus: Fecit Moyses primum operimentum. 

Leviticus: Ezechiel parietem perfodit. 

Numeri: Multiplicabo semen tuum; secundum littere su- 
perficiem videtur Habrahe. 

Deuteronomium: Fasoiculus mirre; in mirra tria solent 
notari. 

Josue: Liber iste a nomine censetur auctoris qui et 
Jhesus dictus est. 

Judicum: Post mortem Josue; sciendum, quod dictum 
est: Ideo filii Israel 

Ruth: Sicut in testa parva. 

4 Begum: Unbekannt. 

2 Paralipomenon: Unbekannt. 

Esdras: Bevertere. Per Sunamitem sjmagoga ecclesia. 

Nehemias, Tobias, Judith, Esther: Unbekannt. 

Job.: Erubesce Sion, ait mare. Dens hominem ad ima- 
ginem fecit et similitudinem, sed ingratus homo beneficii fac- 
tori suo non obedivit. 

Psalmen: Flebat Joannes, quia non erat, qui aperiret 
librum.* 

Proverbia: Tribus nominibus Salomonem ftiisse vocatum. 

Ecclesiastes: Beatus vir, cuius est auxilium abs te. 

1 In ziemlich vielen Handschriften vorhanden, z. B. 12.011, 14.426 
National-Bibliothek. 667 Trojes, 777 Cod. Mazarine ; wird wiederholt als 
in der Bibliothek von Glairvaux vorhanden erwähnt. (Voyage litt., I, p. 102.) 



54 

Gantionm Gantia: SaJomon iuzta numeram vqcabu- 
lomm tares libros fecit. 

Sapientia: Quecumque scripta sunt.^ 

Ecclesiasticus: Sommi regis palatiam. 

Isaias: Habemus propheticum sermonem, cui bene fiat. 

Jeremias: Yidit Daniel yirum indutoin lineis. 

Threni (Lament): vos omnes, qui transitis. Potest 
esse ad litteram vox reliquiarom. 

Ezechiel: Et factum est in trigesimo anno. 

Daniel: In templo domini tabule (oder trabes), quibus 
sustentabantur cortine. 

12 kleinen Propheten: Triplex funiculus non rum- 
pitur. 

2 Bücher der Machabäer: unbekannt. 

-Neues Testament. 

Zu der dem Ammonius oder auch dem Tatian aber in 
beiden Fällen fälschlich zugeschriebenen lateinischen Evan- 
gelienharmonie,^ die im ganzen Mittelalter im Gebrauche 
war, schrieb Petrus Oantor eine weitläufige Erklärung, die 
mit den Worten beginnt : Glosse super unum ex quatuor. 
Quatuor facies uni erant; sicut trinitas personarum unitati 
divine essentie non preiudicat, sie nee quatemarius evan- 
geUorum unitati eorum. 

Am Schlüsse stehen häufig die Worte : Expliciunt glosse 
Uli evangeliorum collecte et excerpte cum labore super unum 
ex nil secundum Petrum Gantorem Parisiensem, in quibus 
punctus super punctum positus in littera vel hec figura m. 
nota est yerborum magistralium ; punctus vero iuxta punctum 
positus vel hec figura G. nota est yerborum et auctoritatum 
sanctonim; figura vero 'm.' Htere Grece in margine posite 
nota est glossarum, que faciunt contrarietatem sibi vel textui 
vel quaestionem vel solutionem alicuius vel moralitatem ex- 



1 Die AnfaDgsworte von Proverbia und Sapientia sind bei Sixtus 
von Siena, Bibl. s., IV, p. S61, und nach ihm bei Migne, P. 1., CCV, 14, 17 
unrichtig angegeben. 

2 Vgl. Th. Zahn, Forschungen zur Geschichte des neutestament- 
lichen Canons, I, luid Tatians Diatessaron, Erlangen 1881, S. 8, 909. 



65 



primunt vel pungunt et afifeotus mouent vel que supervacue 
sunt. 

Apostelgeschichte: Liquefacta est terra. 

14 Briefe des heil Paulus: Ab iucrepatione tua 
fagient. 

7 katholische Briefe: Os meum loquetur sapientiam. 

Apokalypse: Haec sola inter Ubros novi testamenti 
vocatur prophetia. 

ß, Schriften^ die yorzugsweise Dogrmatiky Kirchenrecht und Moral- 

theologie zum Inhalte haben« 

a) Den ersten Rang unter diesen nimmt die große ^Summa 
de sacramentis et animae consiliis'* ein.^ Diese wird 
bereits von Petrus Pictaviensis in seinem bald nach 
dem Tode des Petrus Cantor verfassten Poenitentiale^ mit 
folgenden Worten erwähnt und charakterisiert: In his et in 
aliis animarum consiliis, in quibus semper mallem audire 
quam audiri, consultius est recurrere ad scripta piae recor- 
dationis Petri, cantoris Parisiensis, ad illam summam prae- 
cipue quae est de secretis animarum consilüs, quae sie in- 
cipit: Quaeritur de sacramentis legalibus, quae sunt data 
perfectis in signum, superbis in iugum, infirmis in pae- 
dagogum. 

Die Schrift existiert vornehmlich in zwei E>ecensionen, 
die nicht unbedeutend von einander abweichen; die eine wird 
repräsentiert durch die Handschriften 9693 und 14.521 der 



1 Dieses voluminöse Werk wird nicht selten unrichtig als Magna 
Summa de conciliis et rebus ecclesiasticis citiert, als ob darin von den 
Concilien gehandelt würde. Schon Albericus von Trois-Fontaines 
spricht in seinem Chronicon, wo er die Werke des Petrus Cantor auf- 
zählt, an erster Stelle von der Magna summa de conciliis et reb. eccl. 
(doch rührt die Yariante sicherlich von einer späteren Hand her) ; nach 
ihm citiert Cl. Hemer 6 (De acad. Par., p. 39) das Werk in gleicher Weise. 
Bei Johannes Bunderius (Index librorum manuscriptorem Belgii) 
trägt es nicht unpassend die Aufschrift : Liber Sententiarum ; es ahmt 
nämlich theilweise das IV. Buch der Sentenzen des Lombardus nach. 

^ Liegt noch handschriftlich in den Bibliotheken, z. B. Handschrift 
14.886 der National-Bibliothek ; Handschrift 235, fol. 66—74, des Stiftes 
Admont, Handschrift 1565 der Grazer Universitäts-Bibliothek. 



56 

National-Bibliothek, die andere durch die Handschrift 276 von 
Troyes, die einst nach Olairvaux gehörte. 

In letzterer ist das ganze Werk in zwei Bücher getheilt. 

Das erste Buch (119 Oapitel) handelt in ziemlich guter syste- 
matischer Ordnung zunächst über die Sacramente des Alten 
Bundes, die sacramenta legalia, ihren Wert, ihr Verhältnis zu 
den Sacramenten des Neuen Bundes, über die Taufe Christi, die 
Johanneische Taufe und die Beschneidung, die Wirkung der- 
selben. Erörtert dann die Frage, woher die Taufe ihre Kraft 
habe, die Intention des Taufenden und des zu Taufenden, 
über die der Taufe vorhergehenden Handlungen, Exorcismus ; 
die derselben nachfolgenden Sacramente der Firmung und des 
Altars. Femers bespricht der Verfasser die Form und Materie 
der Taufe, Veränderungen derselben und den Ausspender dieses 
Sacramentes; die Firmung, dieWeihe der Kirche und des Altars; 
das Sacrament der Eucharistie ; die Worte der Gousecration. 
Handelt dann weiter über die Mischung des Weines mit 
Wasser; über die Intention beim Consecrieren, die Spendung 
der Eucharistie als Wegzehrung. Hierauf folgt eine eingehende 
Darlegung der Lehre vom Bußsacramente. Hier bespricht der 
Verfasser verschiedene, besonders im Mittelalter ventilierte 
Fragen, wie über die Wiederkehr der Sünden, über die Wir- 
kungen der Sünde, besonders über die Strafen für die Tod- 
und lässliche Sünde ; über die för einen anderen übernommene 
Buße; im Zusammenhange damit über gewisse Sünden^ näm- 
Uch die Ehrabschneidung, die Restitution des guten Rufes 
und der Glücksgüter; hierauf über die Art und Weise der 
Beichte, über die Schlüsselgewalt, die Absolution von Oen- 
suren, die Art und Weise, mit Excommunicierten zu ver- 
kehren. 

Das zweite Buch (46 Capitel), welches mit den Worten 
beginnt: Gravius est incidere in offensam proximi quam in 
dei, enthält die Lösung vieler interessanter Fälle aus der 
Moral über Gelübde, Eid, Simonie; aus dem Kirchenrechte, 
namentlich aus dem Eherechte; auch aus der Dogmatik über 
die Sacramente der Taufe und Eucharistie, doch ohne strenge 
systematische Ordnung. Ein ganz besonderes Interesse bean- 
sprucht das 32. Capitel dieses Buches durch die subtUe Be- 



57 

handlung der zur Zeit des Petrus Cantor oft erörterten theo- 
logischen Frage de homine assumpto.^ 

Aus dieser großen Summa des Petrus Cantor wurden 
schon in alter Zeit zahlreiche Auszüge gemacht, weil man 
nämlich namentlich dessen Entscheidungen in Gewissensfällen 
sehr hoch schätzte. Schon Giraldus Cambrens. beruft sich 
auf eine Ansicht des Petrus Cantor.^ Guilelmus de Monte 
acute (de Montaigu)^ benützte die Sunmie in ausgiebiger Weise. 

Er citiert,* und zwar ausdrücklich mit der Bezeichnung: 
Incipiunt notule ex libro mag. Petri cantoris Parisiensis 
de consilüs, aus dem ersten Buche der genannten Summe 
vierundzwanzig Capitel in größerem und kleinerem Umfange, 
desgleichen einen längeren Abschnitt aus dem zweiten Buche. 

Ebenso enthält die Handschrift lat. 14.883 der National- 
Bibliothek eine große Anzahl längerer und kürzerer Oitate, 
und zwar stets mit der Bemerkung am Rande: cantoris;^ 
desgleichen die Handschrift Jat. 16.384.® 

Auch der Mauriner Hugo Mathoud beruft sich in den 
Noten zu den von ihm herausgegebenen (166B) Sentenzen des 
ßobertus Pullus^ ausdrücklich auf diese Summa des Petrus 
Cantor bezüglich der Beichte einem Laien im Falle der Noth. 



^ Über die Summe nach der Handschrift 9598 National-Bibliothek 
handelt eingehend B. Hauräau in: Notices et extraits de quelques 
Manuscrits latins de la Bib. Nat. T. IE, p. 5 — 15, Paris 1831 ; er schreibt 
sie mit Becht dem Petrus Cantor zu und bemerkt, dass Joh. Launoius 
in seinem Werke: De soholis celebrioribus seu a Carolo Magno seu 
post eundem Carolum per occidentem instauratis über, Paris 1672, c. 59, 
art. 6 die Sunmie mit dem Titel Quaestiones scholares bezeichne. 

2 cf. Gemma ecclesiastica, dist. I, C. 47. 

8 Prior von Clairvaux, Abt von Ferte 1233, von Citeaux 1237, resi- 
gnierte 1245, starb zu Clairvaux 19. Mai 1246. 

* In seinem Werke, einer Sammlung von Aussprüchen verschiedener 
Väter, Canonist en und Theologen, welches im cod. 705 der Bibliothek 
von Troyes erhalten ist und das er nach seiner Resignation als ein- 
facher Mönch von Clairvaux schrieb. 

5 Vgl. fol. 113, 114, 114-, 115, 116, 116-, 117, 117^ 118, 118-, 120-, 
121 und 121-. 

ß Von einem ungenannten Verfasser aus dem 17. Jahrhundert; wahr- 
scheinlich von einem Benedictiner von St. Maur zu St. Germain des Pres. 

7 Migne, CLXXXVI, 1010, 1081—1084, 1108. 



58 



Ziemlich yiele benannte Anfiihningen aus dieser Stunma 
bringt auch Job. Morinus^ in seinem Commentarius histo- 
ricus (Paris 1661).* 

Die Summa de sacramentis et animae consilüs ist der 
Bedeutung nach das wichtigste Werk des Petrus Cantor. 

bj Die „Distinctiones" des Petrus Oantor, „Abel" 
benannt,^ enthalten gleichfalls viel dogmatisches und litur- 
gisches Kateriale, sie bieten aber auch eine nicht unbedeutende 
Ausbeute fiir die exegetische Methode des Verfassers. 

Schon Albericus von Trois Fontaines* gedenkt dieses 
Werkes, welches auch vielfach als Summa bezeichnet wird, 
mit den Worten : Summa, quae dicitur Abel, ipsius nomine 
intitulata. Ebenso citiert der oben erwähnte Guilelmus de 
Monte acute eine Stelle aus diesem Werke mit den Worten : 
Idem (sc. Petrus Oantor) in libro, qui dicitur Abel, dicit. 

In neuerer Zeit gab Gardined Pitra*^ eine ziemliche Aji- 
zahl Proben aus diesem bis jetzt nicht gedruckten Werke 
heraus, fast die Hälfte derselben, wie er sagt. Durch diese 
mitgetheilten Stellen — meistens mystisch -moralische Er- 
klärungen der Heiligen Schrift — wollte Pitra den Beweis er- 
bringen, dass Petrus Cantor die sogenannte Clavis des Melito, 
die Pitra gefunden haben wollte, kannte und in seinen Distinc- 
tiones „Abel" benützte. 

Die Distinctiones „Abel" des Petrus Cantor wurde im 



i Gest. 28. Februar 16B9. 

2 Vgl. p. 244, 369, 388, 407, 456, 511, 526, 527, 533, 537. Vgl. auch 
Wetzer und Weite, Kirohenlexikon (zweite Aufl., 2. Bd., Sp. 1587), wo 
für die Bemerkung, dass Petrus Cantor der Bedemtion der BuBe mittels 
Geldbeiträgen für fromme Zwecke nicht geneigt war, ausdrücklich 
Morinus citiert wird. 

8 Weil sie mit diesem Worte beginnen. Eine ziemlich umfangreiche 
Schrift, die nach Art eines Lexikons in alphabetischer Ordnung die 
einzelnen Artikel, z. B. Abel, anima u. s. w. nach einer damals sehr be- 
liebten Methode zusammenstellt. Nicht unpassend erhielt das Werk des- 
halb auch den Titel : Alphabetum morale. Vgl. Visch, 1. c, p. 263. 

4 L. c. 

5 Vgl. Spicilegium Solesmense (Paris 1852—1858) III, 1—308, und 
Analecta sacra (Paris 1876-1884), ü, 6—154; 585—623. — Pitras An- 
sicht erwies sich als irrig. Vgl. O. Rottmanner, Bulletin critique 1885, 
47-51. 



59 . 

Mittelalter gerne gelesen, was die zahlreichen vorhandenen 
Handschrifben des Werkes bezeugen.^ 

c) Das dritte hieher gehörige Werk : Quaestiones de 
Simonia^ behandelt in ziemlich wissenschaftlicher Methode 
verschiedene subtile Fälle der mannigfachen Form der Simonie.^ 

C Schriften^ die fast ausschllefilich Moral und Ascese behandeln. 

a) Hieher gehört des Petrus Cantor am weitesten ver- 
breitetes, wenn auch nicht größtes Werk, nämlich jene Summe, 
die unter dem Namen „Verbum abreviatum", von den 
Anfangsworten derselben, am meisten bekannt und unter 
aJlen größeren Schriften des Petrus Oantor bis jetzt allein 
gedruckt ist. 

Bereits Albericus von Trois Fontaines citiert dieses 
Werk als Verbum abbreviatum an zwei Stellen seines Ohroni- 
cons; das erstemal zum Jahre 1147, wo er von jenem Ooncil 
in Bheims spricht, auf dem ein Manichäer, nachdem er der 
Häresie überwiesen worden, nicht dem Tode überantwortet, 
sondern im Kerker des Erzbischofs Samson von Rheims bis 
zu Tode festgehalten wurde. Hiezu sagt Albericus:* Mgr Petrus 
Cantor inVerbo abbreviato mentionem de isto Henrico 
haeretico facit et quod Remis in carcere Samsonis solus missus 
sit usque ad mortem, ne alios corrumperet.'^ 

Giraldus Cambrensis führt in seinem Speculum 
ecclesiae,® wo er sich gegen die Exemtionen in der Kirche 
ausspricht, eine Stelle des Verbum abbreviatum wörtlich an, 
jedoch nur mit dem Namen des Verfassers. 

Da Giralds Äußerung auch för seine Hochschätzung des 
Petrus Oantor Zeugnis ablegt, so möge sie, obwohl sie theil- 



1 Z. B. 10.633 NationaJ-Bibliothek. 

2 Beginnen mit den Worten des Horaz (Epist. I, 2, 54) : Sincerumst 
nisi vas, quodcnmque infimdis acescit. • 

8 Sind erhalten in der Handschrift 14.445 National-Bibliothek von 
fol. 211 an imd in der Handschrift 5426 der Münchener Hof- und Staats- 
BibHothek. 

* Monum. Germ. hist. Script., XXTfT, 840. 

5 Albericus spielt hier auf das c. 78 des Verb, abbrev. an (Migne CCV, 
229), wo aber Petrus Cantor den Namen des Häretikers nicht nennt. 

ß Dist. n, c. 17 {Giraldi Cambr. opera, ed. Brewer, IV). 



60 

weise Lücken in der der Ausgabe zugrunde liegenden Hand- 
schrift aufweist, im nachstehenden wörtlich folgen : Caeterum 
quoniam testante philosopho licet interdum ad aliena castra 
transire, non tanquam transAigae vitio, sed tanquam explora- 
toris officio, nunc ea que Clarevallensis abbas Bemardus et 
Parisiensis praecentor Petrus, quorum uterque fuit in sacris 
Scripturis affatim eruditus, primus autem plus per Spiritus 
sancti revelationem quam per humaneun doctrinam aut in- 
structionem fuit informatus, posterior vero non solum theo- 
logus egregius, sed tanquam moralis quoque philosophus et 

morum assertione conspicuus 

ii qui et violant et sub- 

trahunt se a iurisdictione minoris praelati auctoritate majoris; 
quibus quasi scismaticis videtur obviare illud Apostoli in 
prima epistola ad Oorinthios, de unitate et mutua debitaque 
officii exhibitione membrorum humani corporis sibi invicem 
subministrantium. Cum enim sint plura membra in uno corpore 
sibi necessaria et subservientia, ne pereat corpus, quod fieret, 
si omnia membra essent unum membrum, non potest dicere 
oculus manui: opera tua non indigeo aut caput pedibus: 
non estis mihi necessarii ; non excellentius membrum inferiori 
praecipere potest ne sit aliis necessarium, ne serviat et 
obediat mediis; ergo multo magis in membris ecclessiae 
spiritualibus debet et haec unitas observari, ne fiat exemptio 

et subtractio Si . . . . 

praecipere vellet thronis et dominationibus ne essent inferiores 
cherubin, ne illi ordini ut superiori subjecti, sed quasi prima 
fronte sibi responderent ; numquid hoc sustineret ille mon- 
archus qui eos sie ordinavit, scilicet ut unus ordo alio esset 
inferior ? Absit, sed non minus sicut credo vindicaret in iUum 
quam vindicatum sit in Luciferum, dominationem et exemp- 
tionem a jurisdictione divini appetentem ; qui cum primus esset 
in deliciis paradisi, ob hoc dejectus, manet novissimus in sup- 
pliciis inferni. Item refertur et legitur eundem Bemardum in 
zelum hujus modi enormitatis et exemptionis ab ecclessia 
eradicandae multum affectasse sedere in sede papatus per 
triennium propter tria maxime, scilicet propter revocandum 
episcopos ad metropolitanos suos ut eis . . . 



61 

Vergleicht man hiemit das 44. Gapitel des Verbum abbre- 
viatum/ so sieht man die Übereinstimmung fast Wort für 
Wort, ja man kann die Lücken bei Giraldus vollständig aus 
dem Verbam abbreviatum ergänzen. 

Ebenso stimmt G-iraldus in seiner Gemma eccL^ wört- 
lich mit dem 22. Oapitel des Verbum abbreviatum über- 
ein, wo Petrus Cantor berichtet, der Erzbischof Thomas 
B ecket von Canterbury habe seinen Kanzler bei der Ein- 
setzung desselben in sein Amt unter einem Eide verpflichtet, 
in der Verwaltung seines Amtes nicht das Geringste anzu- 
nehmen.^ 

Noch andere unverkennbare Beziehungen auf das Verbum 
abbreviatum finden sich bei Giraldus.^ Auch Thomas von 
Camtimprö'* und Ludolfus Saxo* (gest. nach 1300) ver- 
weisen auf das Verbum abbreviatum;^ Heinrich von Gent,^ 
Trithemius," Guil. Eisengrein^® erwähnen dasselbe. 

Ebenso wird dies Werk von den meisten neueren Ge- 
lehrten, die über Petrus Cantor handeln und seine Schriften 
mehr weniger vollständig au&ählen, genannt. ^^ 

Außer dem Titel Verbum abbreviatum hat das Werk in 
den Handschriften noch viele andere Bezeichnungen : Ethica 
Petri.^2 Summa philosophiae,^^ Petri Oantoris Parisiensis viati- 



' 1 Migne, CCV, p. 186 f., trägt die Überschrift : Contra eos, qui exuunt 
86 a itirisdictione suomm praelatoram. 

2 Bist. 2, c. 26. 

8 Migne, 1. c. 81. 

^ Vgl. Genuna eccl. dist. 2, c. 28; dist. 2, 84, und Verb, abbrev. 1. c. 
p. 309 ; 881. 

. ^ Apum seu Boni universalis 1. 1, c. 19, n. 18. 

« Vita Jesu Christi, c. 68. Paris 1870. 

7 Vgl. C. 81 und 82. 

s De illust. eccl. Script, e. 15. 

• De Script, eccl. c. 176 und Chronic. Hirsaug. T. I, p. BOl. 

10 Catal. test. verit. fol. 107, b. 

11 Z. B. Bunderius, Joly, Visch, Hemer6, du Boulay, Oudin, Jöcher, 
Mor6ri, Busse, P6cheur, Poquet 1. c. Vgl. neuestens Bergier : Dictionnaire 
th^ologique . . . per V abb6 Le Voir. Edit. revue et corrig^e. Tom. dixi^me, 
p. 840. Paris 1876. 

12 Handschr. 1. 8487 National-Bibliothek. 

M Handschr. 17.471 und 18.122 National-Bibliothek. 



62 



cum tendentis in Jerusalem, y Summa de suggillatione vitiorum 
et commendatione virtutum' oder Summa ex conquisitis auc- 
toritatibus ad detestationem vitiorum et commendaidonem 
virtutum;" auch hie und da Libellus oder summa de vitiis et 
yirtutibus/ Liber de penitentia et partibus eins, gewöhnlich 
mit 7 Zeichnungen über die verschiedenen Lagen des Beten- 
den;* nicht selten fuhrt das Werk vom Titel des 1. oder 
2. Capitels die Überschrift De brevitate lectionis" oder Contra 
superiluitatem inutilium glossarum et quaestionum;^ auch 
Summa theologiae® kommt als Überschrift vor.* 

Der Inhalt dieser herrlichen Schrift ist eine Anweisung 
zur Übung verschiedener Tugenden, die nach ihrem Werte und 
in ihrer Schönheit anziehend geschildert werden ; andererseits 
werden die verschiedenen Laster und Sünden in ihrer ab- 
schreckenden Gestalt und in ihren unseligen Folgen lebhaft 
vor die Augen des Lesers geftlhrt, um denselben davon ab- 
zuhalten.^® 

Das Werk ist aber kein systematisches Lehrbuch der 
Moral, jedoch auch keine Sammlung von bloBen Betrach- 
tungen, sondern eine Darstellung der wichtigsten Seiten des 
sittlichen Lebens nach Art von Sermones oder Predigten, 



1 Münchener Handschrift 17.458, fol. 105 ; dieser Titel stammt daher, 
dass der Verfasser Luc. 9, 58 (Facies eius erat euntis in Jerusalem) häufig 
(z. B. c. 67) auf den Menschen anwendet, der dem himmlischen Jerusalem 
zupilgert. 

2 Handschr. 30.066 Brit. Mus. 

Handschr. 571 von Arras, Handschr. 15 von Melun. Rom. Vatic. 
Eeginae Sueciae 106. 

* Cambridge Univ.-Bibl. 869 und 1318; Handschr. 19.767 Brit. Mus. 
ß Handschr. 71 zu Zwettl. 

* Handschr. 14.521 National-Bibliothek. 

f Vgl. Handschr. 3246 A, 13.433 und 16.383 National-Bibliothek (contra 
superiluitatem glossarum et inutilium expositionum) ; Handschr. 61 von 
Laon (contra superfluitatem et prolixitatem glossarum). 

8 Utrechter Univ.-Bibl., Handschr. 312. 

® Diese verschiedenen mehr minder passenden Titel rühren meist 
von verschiedenen Abschreibern und von solchen her, denen die Biblio- 
theken zur Obhut anvertraut waren. 

^^ Einen Auszug des Inhaltes nach gewissen Eintheilungsgründen 
gibt die Hist. Utt. de la France, XXTP, 1. o. (2. Aufl. XIV, p. 571 ff.). 



63 



vermisoht mit Definitionen und Eintheilungen der Tugenden 
und Laster. 

Manches ist für den geistlichen Stand, namentlich das 
Mönohthum speoiell berechnet. 

Die Schrift hat außerdem noch dadurch Bedeutung, dass 
es über manche Sitten und Gebräuche der damaligen Zeit 
unterrichtet, Missbräuche im Olerus und Volk geißelt, d. h. die 
sogenannten missae duarum vel trium facierum, den ver- 
dammenswerten Missbrauch, Todtenmessen zu lesen für Lebende, 
damit sie bald sterben u. dgl.^ 

Außer der Wichtigkeit der behandelten Gegenstände 
verleiht dem Werke auch die Lebhaftigkeit der Darstellung 
nicht geringen Beiz. Die Beweisgründe sind nicht bloß der 
Heiligen Schrift, den Vätern und Schriftstellern der Kirche 
entlehnt, sondern mit gewisser Vorliebe auch den classischen 
Dichtem und Philosophen entnommen. Horaz, Ovid, Vergil, 
Statins, Juvenal, Terenz, Properz, Gallus, Oato, Cicero u. a. 
sind durch zahlreiche Oitate vertreten.^ Auch die Legende, 
besonders die sogenannten Vitae patrum, sind fleißig benützt. 

Gewöhnlich wird das Werk in den Handschriften in 152 
Capitel eingetheilt. Das letzte Capitel handelt de iucunditate 
aetema und bildet einen naturgemäßen Abschluss des Ganzen. 
Doch finden sich auch andere Eintheilungen:^ Übrigens scheint 
der Verfasser selbst seine Schrift bereits in Capitel getheilt 
zu haben.* 

Über die Zeit der Abfassung des Verbum äbbre- 



1 C. 39. 

2 Vgl. hierüber: Eichstätter Pastoralblatt, Jahrg. 1874: Über Gelehr- 
samkeit im 12. und 13. Jahrhmidert, von Prof. WeiB (jetzt Ord. Praed.). 

8 Handschr. 424 Bibl. Mazarine in Paris zählt 248, Handschr. 15.101 
National-Bibliothek 105, Handsohr. 157 von Douai 157 Capitel. Auch in 
7 Bücher wird es getheilt. 

^ Vgl. c. 23 : De qua supra disputavimus in fine capituli de avaritia, 
womit er auf c. 21 verweist. AuBer den bereits genannten Handschriften 
enthalten noch viele andere das Verbum abbreviatum, z. B. National- 
Bibliothek 3710, 13.434, Cod. Mazarine 772 (enthält den zweiten Theil 
von c. XCn an), 773 ; Cod. 1326 der Wiener Hofbibliothek. Vgl. auch 
Oudin, Script. eccL, H,. 1661, und L. Delisle, Inventaire des manuscrits de 
Tabbaye de S. Victor. (Paris 1869.) 



64 

viatum gibt das 29. Capitel einigen Aufschluss, wo berichtet 
wird, Papst Gregor VIII. habe die Absicht gehabt, die Obla- 
tionen bei den Messen abzuschaffen, mit Ausnahme der drei 
höchsten Feste des Jahres, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, 
das patronus ecclesiae, praesente corpore deftmcti und die 
anniversarii. Gregor starb aber nach kurzer Regierung von 
kaum zwei Monaten zu Pisa im November 1187. Also wurde 
das Werk nach 1187 verfasst. 

Ohne Zweifel schrieb Petrus Cantor das Werk, da er noch 
in Paris als Oantor wirkte. Da er aber an einer Stelle^ der 
häufigen Beichte eines frommen Abtes von Longpont er- 
wähnt, schlössen manche,^ dass das Verbum abbreviatmn in 
Longpont geschrieben sei. Allein der Aufenthalt des Petrus 
daselbst scheint nicht zu lange gedauert zu haben, auch dürfte 
er nicht gar lange nach seiner Ankunft in jene Krankheit 
gefallen sein, die ihm den Tod brachte. Immerhin ist es aber 
möglich, wenn nicht gewiss, dass die Schrift in der Einsam- 
keit von Longpont eine Durchsicht und theilweise Umarbeitung 
erfuhr.^ 

Wie schon wiederholt erwähnt, ist das Verbum abbre- 
viatum das einzige größere Werk, das bis jetzt eine Veröffent- 
lichung durch den Druck erfahren hat. Georg Galopin, 
Mönch und Bibliothekar des Benedictinerklosters St. Qisleni 
im Hennegau, gab dasselbe 1689 heraus.* Zum zweitenmale 

1 C. 144. 

« Z. B. Pecheur. 

^ Vgl. die folgende Anmerkung (am Schlüsse). 

* Der volle Titel : Venerabilis Petri, Cantoris Ecclesiae Beatae Mariae 
Parisiensis ac s. Theologiae Doctoris et Professoris Verbnm Abbreviatum, 
Opus Morale omnlbus theologis, pastoribus, confessariis, concionatoribus, 
iuris consultis et cuiuscumque conditionis hominibus utilissimum. E tene- 
bris nunc primum erutum et notis illustratum studio et opera R. P. D. 
Georgii Galopini, monasterii S. Gisleni ordinis Benedicti, provinciae 
Hannoniae religiosi et bibliothecarii. Montibus, ex typograpbia Franc. 
Waudraei, sub Bibliis 1639 in 4''. — Galopin bemerkt im Vorworte, er 
habe den Text des Werkes hergestellt unter Vergleichung von folgenden 
vier belgischen Handschriften : Cod. Vedastinus, Marchianensis, Cambero- 
nensis und Fragmentum Caraberonense, und er fügt wörtlich bei: Mar- 
chianense (exemplus) cum Camberonensi, quoad textum et notas colla- 
terales, utcunque conveniebat; at a capite 66 usque ad 80 et a 



65 

wurde es in Migne'schen Sammlungen lateinischer Väter ge- 
druckt. * 

h) In den Druckausgaben ist dem Verbum abbreviatum 
als Oapitel 1B3 ein kleiner Tractat des Petrus Cantor bei- 
gefugt, der die Aufschrift: Contra monachos proprie- 
tarios oder De proprietate monachorum trägt, mit 
den Worten : Judas, quia ftir erat et looulos habens beginnt 
und eine sehr beredte Verurtheilung des Eigenbesitzes der 
Mönche enthält. 

Diese Abhandlung findet sich nun in den älteren Hand- 
schriften des Verbum abbreviatum nicht,* wohl aber in manchen 
jüngeren Handschriften desselben^ oder selbständig in anderen 
Handschriften. Vielleicht wurde dieselbe in Longpont verfasst 
oder auch ela Sermo bei irgend einer Veranlassung gehalten 
und später dem Verbum abbreviatum als Anhang beigefügt. 
Dieser Tractat war das erste, was von den Schriften des 
Petrus Cantor nicht lange nach Erfindung der Buchdrucker- 
kunst in Verbindung mit einigen anderen Schriftchen ver- 
wandten Inhaltes gedruckt wurde.* 



y edastino et a Camberonensi fere continua lectionis varietate 
recedebat. Quapropter verbotenus describendum censuiet 
descriptum in calce operis reponi. In den genannten Capiteln 
enthält also die Ausgabe einen zweifachen, einen längeren und einen 
gekürzten Text. Über das Verhältnis und die Entstehung beider Texte 
wird weiters bemerkt : Dia vero varietas non modo in verbis consistebat 
verum etiam in exemplis . . . Haec autem partim auctoris sunt, 
partim alicuius scholiastae. Sonach scheint eine theilweise Umarbeitung 
des Werkes durch Petrus Cantor gewiss. 

1 CCV, 3 ff. 

^ Z. B. Handschr. 312 der Üniversitäts-Bibliothek zu Utrecht. 

3 Z, B. die Handschr. 298 der Bibliothek Mazarine enthält sie auf 
fol. 189^, doch ohne Verbindung mit dem Verbum abbrev. 

^ Dieses Sammelwerk erschien zu Psiris (ohne Datum) unter dem 
Titel: Contra monachos proprietarios plurimi egregiorum virorum trac- 
tatas: Primus Joannis curnficis, Secundus magistri Joannis de bomalia, 
Tertius magri Petri Damiani, Quartus mgri Petri Cantoris, Quintus 
cuiusdam alterius docti viri, Item tractatus magri Joannis tinctoris contra 
defendentes aperturam claustrorum. Qui omnesdiligenter compressivenum- 
dantur Parrhisüs in vico sancti Jacobi sub Pelicano. Der hier gebotene 
Text ist voller und richtiger, als aer in der Druckausgabe des Verbum 
abbrev. 

Qutjahr, Petrus Cantor Farisieiisis. 6 



66 

Dem Dracke lag eine Handschrift des Verbom abbreviatnm 
zugrunde, die den Traotat contra monachos propr. am Ende 
enthielt. ^ 

2. Etwa verloren gegangene Schriften des Petrus 

Cantor. 

a) Oftmals werden dem Petrus Gantor auch Sermones 
zugeschrieben. 

Das einzige handschriftliche Zeugnis hieför scheint der 
Cod. lai 14869 N. B. zu sein. Diese Handschrift enthält näm- 
lich ausgewählte Sermones von Prevosün (Praepositiy), Alanus, 
Stephan Langton und Petrus Cantor und zwar drei seiner 
Sermones. 

Der erste Sermo^ ist überschrieben: De confessione operis 
und schlieft mit: Juda te laudabunt. Ein zweiter Sermo^ be- 
ginnt mit den Worten : Noli respicere post tergum tuum und 
schließt mit: ut semper breuitatem uite mee habeam in corde 
uel mente. Der dritte Sermo^ beginnt: De huius autem breuitate 
uite semper habenda in memoria, ut peniteas ait illud : notum 
fac mihi domine finem meum. Hierauf folgt unter der Auf- 
schrift : item de penitencia, ein dreiundeinviertel Spalten langer 
Text, der mit den Worten beginnt: Faciem habet euntis in 
Jerusalem, qui iugiter in corde habet breuitatem humane uite 
memor illius uerbi dominici: orate, ne fiat fuga uestra in 
hieme etc. und schließt: ubi est et laudabimus eum propter 
haec et multa alia abstinendum esset a peccato pro uiribus 
nostris. 

Gestützt auf die benannte Handschrift hat neuestens 
L. Bourgainin seiner Sammlung von Sermones des 12. Jahr- 
hunderts* auch unsem Petrus Cantor aufgenommen, indem er 



1 Der Tractat beginnt nämlich : Magister Petrus Cantor Parisiensis 
in fine libri sui, qui intitulatur verbum abbreviatum sie procedit contra 
monacos proprie kariös : ludas quia für etc. 

3 Fol. 205 — am Eande sermo 1. magr. Petri Cantoris ParisienEOS. 

8 Pol. 207 — am Bande sermo m. Petri Cantoris n. 

* FoL 208 — hat in rother Tinte die Aufschrift: de breuitate uite. 

^ La chaire Fran9aise au XII« siöole d* aprös les manuscrits, p. 50, 
Paris 1879, S. 60 — mit genauer Citierung der Fol. 205, 207 und 206. 



67 

nachfolgendes ehrendes ürtheil über ihn und seine Sermones 
abgibt: Pierre le Ohantre (f 1197) fiit un predicateur plein 
de poids dans ses discoors ; il enseignait oomme un flambeau 
ardent et brillant (Jacques de Yitr. Hist. des crois. ch«.7). 
C'est au pied de sa chaire que Foulques curö de Neuilly 
venait avec des tablettes et un burin ; il recueillait les paroles 
du maitre pour les redire le dimanche k son troupeau (Ibid.). 
De tant de discours populaires il ne nous reste plus que trois 
sermons. 

AUein wenn man die angezeigten Sermones mit dem 
Verbum abbreviatum vergleicht, so sieht man sogleich, dass 
sie nichts anderes als Theile des Verbum abbreviatum 
sind.^ 

Unter den kirchlichen Schriftstellern mag Trithemius' 
der erste sein, der von Sermones des Petrus Cantor berichtet ; 
ihm folgen Eisengrein,« Visch* u. a. 

Im besonderen schreibt ein gewisser Petrus Crespetius 
unserem Petrus Cantor zwei Sermones : de B. Virgiue und 
de Annunciatione zu.^ Doch bemerkt bereits GJ-alopinus zum 
ersten Sermo : Habetur sub finem Verbi abb. ad illud Isaiae 
(40, IB): Ecce gentes quasi stilla situlae etc. 

Nach all dem lässt sich die Möglichkeit und Wahrschein- 
lichkeit nicht bestreiten, dass Petrus Cantor, dessen Bered- 
samkeit sich in allen seinen Werken zeigt, Sermones verfasst 
habe, doch fehlen hierüber bis zur Stunde sowohl handschrift- 
liche Bezeugungen als auch Nachrichten der älteren Schrift- 
steller. 

b) Eine ähnliche Bewandtnis hat es mit dem von Tri- 
themius und nach diesem von anderen dem Petrus Cantor 



^ Vgl. 1. Sermo mit Verbum abbrev. c. 143, 144, 145 und 146 bis : 
quod tibi erit crux et martyrium; 2. Sermo mit c. 146 (begimiend: Noli 
respicere post tergum)"; 3. Sermo mit c. 147—149. 

2 De Script, ecd.: Sermones varios Hb. 1; Chronic. Hirsaug.: Ser- 
mones et epistolas varias. 

8 L. c. : Sermones quoque plures cum doctos tum elegantes posteri- 
tatis memoriae consecravit. 

* L. c. 

^ Triumphus B. Mariae die 2, die 28. (S. Verbum abbrev. ed. Galop. 
Elogia.) 

6* 



68 

zogeschriebenen Buche: De miraculis quibusdam sui 
temporis. Trithemius^ sagt zwar, er habe wie ein Buch 
Sermones so auch ein Buch de miraculis selbst g^esehen. 
Jedoch liegen diesbezügliche Nachrichten aus der Zeit 
vor ihm nicht vor. Aber freilich zählt keiner der alten 
Schriftsteller die Schriften des Petrus Cantor vollständig auf, 
so dass aus der Nichterwähnung ein evidenter Schluss gegen 
die Existenz eines solchen Buches nicht gezogen werden 
kann. 

Einen Anhaltspunkt dafür, dass Petrus Cantor in der 
That eine derartige Zusammenstellung oder Sammlung von 
Wundem abgefasst habe, könnte man etwa im folgenden 
finden. In dem seinerzeit vielverbreiteten Werke : Speculum 
exemplorum* wird mitgetheilt: Refert Petrus Cantor Pari- 
siensis, quod quidam confessor, qui audiebat confessiones 
leprosorum, fecerat pre horrore infirmitatis eorum in quodam 
muro fenestram, per quam eos audiebat et per eandem fene- 
stram eis etiam sacramentum porrigebat. De quo dominus 
talem accepit vindictam, quod sacerdos ille ex media parte 
corporis sui leprosus effectus est, sed ex illa parte, quam 
auertebat a leprosis; ex illa autem eins parte, quam tenebat 
adversus leproses, sanus remansit. Refert item Petro de quo- 
dam servo, qui in tantum abominabatur leproses, quod olera, 
que dominus suus eis mittebat, nolebat eis deferre, qui postea 
divino iudicio leprosus effectus est. 



1 L. c. 

2 Speculum exemplorum finitum 1485 per Job. Koelhof civein 
Coloniensem, dist. IX, exempl. CXXXII. — Dieses Werk, welches ur- 
sprünglich ohne Namen eines Verfassers herausgegeben war, erschien 
in neuer, vermehrter Auflage unter dem Titel : Magnum speculum ezem- 
plorum ex plus quam 70 auctoribus pietate, doctrina et antiquitate vene- 
randis variisque historiis, tractatibus et libellis olim excerptum et primo 
editum a D. Henrico Gran, Germano circa an. d. 1480, deinde vero ab 
innumeris mendis vindicatum variis notis auctorumque citationibus illa- 
Stratum ac novorum exemplorum appendice locupletatum per quendam 
Patrem e Soc. Jesu. Nunc demum in hac editione aliis, quae irrepserant 
mendis purgatum et nova miraculorum B. Virginis . . . auctum per P. Aug. 
Petretum, o. Praed. Recentibus adiectis notis atque citationibus cum indice 
locorum commun. Briziae 1604. 



69 

In der neuen Auflage dieses Werkes sind unter dist. IX, 
ex. CXXXTT die gleichen Worte aus der alten Auflage auf- 
genommen; nur ist am Schlüsse beigefügt: Hie Petrus Cantor 
Parisiensis scripsit librum miraculorum sui temporis, unde 
haec duo exempla sumpta sunt, wobei der erste Satz wohl 
der Notiz des Trithemius^ entlehnt ist.^ 

Aus dem Gesagten dürfte sich die Möglichkeit er- 
geben, dass Petrus Cantor ein Werk de miraculis geschrieben, 
das noch zur Zeit des Trithemius bekannt war, umsomehr, 
als er auch sonst in seinen Schriften gerne Wunder er- 
zählt. Q-egenwärtig ist die Schrift vollends in Vergessenheit 
gerathen. 

cj Hie und da werden dem Petrus Cantor femer m libri 
de sacramentis zugeschrieben, beginnend mit den Worten : 
Circuibat populus. 

Auch hierüber beginnt die Bezeugung erst mit Trithe- 
mius, der von einem solchen Werke in seinen beiden Schriften^ 
berichtet. Die alten Schriftsteller, wie Petrus Pictaviensis und 
Albericus von Trois Fontaines schweigen. Wahrscheinlich be- 
ruht die Angabe des Trithemius auf einer irrigen Notiz einer 
alten Handschrift. Visch* berichtet, dass in den Bibliotheken 
der beiden großen Cistercienser-Klöster Villars und Alna^ 
sich Manuscripte mit dem Titel: Petri Cantoris Paris, de 
sacram. libri HI vorfänden. Desgleichen redet Ant. S an- 
der us® bei Besprechung der Manuscripte von Villars von 
einer Summa mag. Petris Cantoris de sacramentis'' und meint 
darunter wahrscheinlich die bei Visch und Trithemius be- 
zeichnete Summa de sacramentis libri HI ; bei Aufzählung der 



1 Chronic. Hirsaug. (De variis miraculis sui temporis lib. 1.) 

2 Auch Visch 1. c. sagt: Ceterum quoad scripta Petri nostri lectori 
adhuc insinuandum duxi ex libro exemplorum ipsius quaedum extracta 
reperiri in speculo exemplorum verbo: Infirmitas 2'*, notatione subiuncta: 
Hie Petrus Cantor Parisiensis scripsit librum miraculorum sui temporis, 
unde haec 2 exempla sumpta sunt. 

3 De Script eccl. und Chronic. Hirsaug. 
* Bibl. Script, ord. Cist., p. 266. 

^ Im heutigen Belgien. 

^ Bibl. Belgica Manuscripta. Pars I. Insulis 1641. 

t P. 271. 






70 

Manuscripte von Alna aber sagt er : * Petrus Cantor de sacra- 
mentis bis. 

Zur Angabe Vischs über jene Manuscripte in Villars und 
Abia bemerkt Oudin:* de quibus dicendum ego nihil habeo, 
cum non viderim, und er fügt wohl mit Recht hinzu : Vix 
tarnen mihi persuadere possum semel atque iterum Petrum 
Cantorem de eodem argumento scripsisse. 

VermuthKch liegt auch hier eine irrige Aufschrift eines 
Codex zugrunde.® "Wiederholte Nachforschungen in belgischen 
Bibliotheken, wohin jene Handschriften von Villars und Alna 
gekommen, blieben resultatlos. 

Somit lässt sich nichts Bestimmtes feststellen. 

Doch wurde die Ansicht des Trithemius bis auf unser 
Jahrhundert vertheidigt.* 

Noch weniger lässt sich die Echtheit nachstehender 
Schriften erweisen, deren nur Visch^ Erwähnung thut: 

d) Distinctiones de B. M. V., beginnend: B. Virgo 
comparatur coelo; 

ej Abbreviatio super decreta Q-ratiani;* und 

f) Commentaria in libros physicorum et de 
anima.'' 



3. Fälschlich dem Petrus Cantor zugeschriebene 

Werke. 

Sicher irrig werden dem Petrus Cantor bisweilen in den 
Handschriften folgende Werke anderer Verfasser zugeschrieben. 

a) Das sogenannte Consiliarium Cantoris Parisi- 
ensis de penitentia, beginnend mit den Worten: Tota 

1 P. 274. 

2 Script, eccl., II. 1. c. 

3 Vgl. Oudin: Vix opus aliquod Petri Cantoris manuscriptum in 
bibliothecis, quod non habeat plures titulos et inscriptiones. 

* Zuletzt noch in Wetz er und Weites Kirchenlexikon, 1. Aufl. 

6 L. c. p. 263, 264. 

ö Beide Werke sollen handschriftlich in Longpont vorhanden ge- 
wesen sein. 

^ Soll die Bibliothek von Villars in einer Folio-Handschrift besessen 
haben. 



71 

coeleatis philosophia. Es ist dies eine sehr umfangreiche 
Summa, die aber nicht bloß über die Buße handelt, sondern 
auch über verschiedene Materien des canonischen Rechtes, ^ 
der Moral u. s. w. 

Das Werk wird unter dem genannten Titel in den Hand- 
schriften 3258 und 3269 National-Bibliothek dem Petrus Oantor 
zugeschrieben, hat aber unzweifelhaft Robert von Cour9on 
zum Verfasser.^ 

h) Das Poenitentiale des Petrus Pictaviensis, Canonicus 
von St. Victor zu Paris. Wird nicht selten auch in Hand- 
schriften^ und Bibliothekskatalogen dem Petrus Cantor zu- 
geschrieben. Die Unmöglichkeit dieser Annahme beweist der 
Inhalt des Buches : es wird Petrus Cantor bezüglich der Grade 
der Trunkenheit erwähnt, es werden dessen Schriften, ins- 
besonders die Summa de sacr. et animae consiliis genannt, 
es wird von ihm als piae recordationis gesprochen ; es werden 
bereits Innocenz HL und sogar Gregor IX. aufgeführt, welch 
letzterer lange nach dem Tode des Petrus Cantor den päpst- 
lichen Stuhl bestieg (1227). ^ 

c) Selbst das dem berühmten Alanus von Lille zuge- 
hörige Poenitentiale, beginnend: Ha, Ha, Ha domine 
nescio loqui* wird in der Handschrift 13.468 der National- 
Bibliothek dem Petrus Cantor zugeeignet. 

d) Endlich werden auch Allegoriae in Scripturas 
seu sacros libros Veteris et Novi testamenti, beginnend ; In 
piincipio creavit deus coelum et terram, hie und da irrig als 
Werk des Petrus Cantor angefahrt. Oudin^ erzählt, dass er 



^ Enthalten luid Bobert Courcon zugeschrieben im Cod. 14.524 Na- 
tional-Bibliothek. Vgl. Oudin: Auetor in nonnullis capitibus citat et 
confutat Petrum ipsum Cantorem . . . comperique Summam illam cer- 
tissime pertinere ad Bobertum de Chorseone. — Petrus Cantor wird 
citiert, z. B. Cod. 3258, fol. 70, 71, 174. 

2 Vgl. Handsehr. 1565 der Grazer Universitäts-Bibliothek; sie hat 
die Aufschrift: Summa cantoris Parisiensis. 

8 Vgl. Le cabinet des manuscrits de la bibliothöque Nationale, par 
L. Delisle, n, p. 221, n. 5 zum cod. 14.525 : Penitentialis fratris Petrl Picta- 
viensis, canonici S. Victoris. — Hist. litt., XVI, 484. 

* Migne, CCX. 

6 L. c. 



72 

in den Hftnden des Augustiner-Eremiten Jakob Hommejr in 
Paris eine Handschrift gesehen^ die derselbe aus der Biblio- 
theoa Navarrica entlehnt hatte und die die Aufschrift ge- 
tragen: Allegoriae Petri Cantoris in Scripturas. Das Werk 
hat Petrus Pictaviensis, Kanzler von Notre Dame^ und Zeit- 
genossen des Petrus Cantor, zum Verfasser. 

1 Migne, CCXI. 



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K. k. TJniversitäts-Buchdruokerei ,Styria', Qraz. 



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3 2044 024 480 60 



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